Verantwortungsgefühl  und  Staatobewußtsein.  569

Haß  gegen  den  deutschen  Wettbewerber,  aber  sie  predigte  mit  tausend
Zungen  die  Liebe,  die  Fdcale  der  Freiheit,  der  Demokratie,  des  Rechts
der  unterdrückten  Bölker.  Ihre  Freiheit  war  die  Freiheit  zu  sozialer
Ungerechtigkeit;  ihre  Demokratie  durchaus  materialistisch  aufgebaut,
eine  Schutzwehr  des  Weltkapitalisnnis;  ihrc  Liebe  zu  den  unterdrückten
Völkern  das  Verlangen,  sie  als  Ausbeutungsobjekte  freizubekommen.
Aber  die  idealistische  Verbrämung  ihres  Materialismus  trug  den  Endsieg
  davon,  bis  der  Mantel  des  Idcalismus  fiel  und  der  krasse  Materialis--mus
  einen  Frieden  diktierte,  der  seine  Ungültigkeit  in  sich  trägt.  Der
deutsche  Materialicmus,  einem  tief  idcalistischen  Volke  aufgepfropft,
unterlag  nach  außen  den  Prüfungen  des  Wirtschaftskricges  und  der
Kriegewirtschaft  und  erfocht  nach  innen  cinen  Sieg,  der,  ähnlich  jenem
Diktatfrieden,  seine  Ungültigkeit  in  sich  trägt  vermöge  der  Unfähigkeit
des  materialistischen  Sozialismus,  Deutschland  aus  und  in  seiner  Not
zu  erheben.

Jetzt  ist  uns  materiell  die  Zukunft  aufs  äußerste  beschnitten,  aber  der
Weg  zu  ideeller  Genesung  geöffnet.  Bitter  freilich  ist  es,  daß  wir  munmehr
auf  dem  Wege  des  Mitleids  das  Ohr  der  neutralen  Völker  finden  können,
auch  das  unserer  gepreßten  Feinde.  Immerhin  werden  wir  dadurch
aber  Gelegenheit  finden  können,  unserem  Idcalismus  Verständnie  zu
werben,  wo  anders  wir  nicht  ganz  im  Materialismus  versumpfen.

Kaum  ist  unsere  furchtbare  Niederlage  in  Wirtschaftskrieg  und  Kriegswirtschaft
  besiegelt  durch  einen  unerträglichen  Frieden,  da  sind  wir  auch
schon  in  die  Notwendigkeit  eines  neuen  Zweifrontenkrieges  versetzt,
gegen  imperialistischen  Weltkapitalismus  auf  der  einen,  Bolschewiemus
auf  der  anderen  Seite.  Ungeheuer  groß  ist  die  Gefahr,  einem  von  beiden
oder  einem  nach  dem  andern  rettungslos  zu  verfallen.  Wir  können  dieser
Gefahr  nicht  begegnen,  können  diesen  Zweifrontenkrieg  nicht  bestehen
im  Zeichen  des  materialistischen  Sozialiemus,  dem  die  Werbekraft  dort,
die  Widerstandskraft  hier  ermangelt;  wohl  aber  im  Zeichen  einer  idealistischen,
  geläuterten  sozialen  Demokratie,  will  sagen  unter  dem  Banner
der  sozialen  Gerechtigkeit  und  der  reinen,  nicht  zum  Schildknappen  des
Weltkapitalismus  erniedrigten  Demokratic  —  die  mit  dem  Wahdlspruch:
„Freie  Bahn  jedem  Tüchtigen!“  (dem  altpreußischen  „suum  cuique“)
auch  dem  aristokratischen  Aufstieg  die  Pforte  offen  hält  —  und  getragen
von  dem  nationalen,  großdeutschen  Gedanken,  der  trotz  aller  zeitlichen
Trennungslinien  ein  80  Millionenvolk  zusammenhält  und  zu  neuem
Aufstieg  stählt.

Dit,  Wirtschaftskrieg  und  Nriegswirtsch#e#t.  24