2  Urgeschichte  der  Deutschen.

Orte  waren  bald  so  überfüllt,  daß  Not  und  Hunger  auch  hier  keine  Schranken  mehr
kannten.  Wollten  sich  die  Germanen,  wie  es  den  Anschein  hatte,  hier  dauernd  nieder—
lassen,  so  kamen  Rom  und  das  römische  Reich  in  arge  Gefahr.

Endlich  kam  es  im  Jahre  109  zwischen  den  Römern  und  Cimbern  zu  einem  ge—
waltigen  Zusammenstoß.  Hatten  die  Cimbern  an  die  Römer  das  Ansuchen  gestellt,  sich
in  Gallien  niederlassen  zu  dürfen,  und  dafür  den  Römern  als  bewaffnete  Bundesgenossen
Dienste  zu  leisten,  so  hatten  es  die  Römer  abgewiesen  und  die  Schlacht  bei  Marseille  belehrte
  sie  nun,  um  wie  weit  klüger  sie  daran  getan  hätten,  das  Anerbieten  anzunehmen.
Die  Römer  unter  dem  Konsul  Marius  erlitten  eine  vollständige  Niederlage,  und  ganz
Gallien  war  somit  in  den  Händen  der  siegenden  Germanen.  Ein  zweites  römisches  Heer
unter  dem  Konsul  Cassius  Longinus  wurde  von  den  Ligurinern  unter  Anführung  ihres
jungen  Helden  Diviko  beinahe  vollständig  aufgerieben,  und  den  kleinen  Rest  den  die
Sieger  übrig  ließen,  zwang  man  zu  einer  schmählichen  Kapitulation;  einem  andern  Heer
unter  Marcus  Aemilius  Scaurus  erging  es  ebenso,  und  als  der  stolze  Römer  in  Fesseln
prahlte,  daß  die  Germanen  die  Römer  in  Italien  selbst  niemals  bezwingen  werden,  da
wurde  er  von  dem  cimbrischen  König  Bojorix  niedergestoßen.

Auch  jetzt  noch  betrieb  Rom  seine  Schutzmaßregeln  gegen  die  Barbaren  außerordentlich
  lässig.  Als  im  Jahre  105  die  beiden  Feldherrn  Konsul  Cnu.  Manilius  und
der  Prokonsul  Q.  Servilius  Cnejus  ein  Heer  gegen  die  Germanen  führen  sollten,  war
der  Erfolg  beinahe  mit  Sicherheit  vorauszusagen.  Die  persönliche  Feindschaft  zwischen
beiden  war  die  Schuld  an  der  furchtbaren  Niederlage  der  Römer  bei  der  Stadt  Arausio
am  linken  Ufer  der  Rhone,  wo  die  Römer  80  000  Krieger  und  40  000  Knechte  verloren.
Waffen  und  Wehrgehänge  der  Feinde  wurden  vernichtet,  die  Beutepferde  in  der  Rhone
ertränkt  und  mit  Schrecken  melden  die  Römer,  daß  von  dem  ganzen  stattlichen  Heere
nur  10  Mann  dem  Blutbad  entrannen.  Freilich  auch  jetzt  verfolgten  die  Germanen  ihren
Sieg  nicht  weiter.  Sie  zogen  über  die  Pyrenäen  nach  Spanien  und  erst  im  Jahre  103
finden  wir  sie  wieder.  Jetzt  vereinigten  sich  auch  die  Teutonen,  die  sich  indessen  nach
dem  nördlichen  Gallien  gewendet  hatten,  mit  ihnen  unter  ihrem  Herzog  Teutobod  und
nun  dünkten  sie  sich  stark  genug  zum  Zuge  nach  Italien.  Nun  endlich  waren  die  Römer
gezwungen,  mit  ihnen  zu  rechnen.  An  die  Spitze  des  gegen  sie  zu  entsendenden  Heeres
stellten  sie  den  Feldherrn  Marius,  der  sein  Hauptaugenmerk  darauf  richtete,  sein  Heer
zu  stärken  für  den  künftigen  Kampf;  die  Germanen,  die  ihren  Raub  in  einem  befestigten
Lager  am  Sambrefluß  unter  Obhut  von  6000  Mann  zurückgelassen,  hatten  sich  südwärts
gewendet,  trennten  sich  aber  bald.  Die  Cimbern  und  Tiguriner  zogen  über  den  Rhein,
um  von  der  östlichen  Seite  in  Italien  einzubrechen,  während  die  Teutonen  mit  den
Toygenern  und  Ambronen  sich  südwärts  wandten.  Als  Marius  von  dem  Herannahen
der  Feinde  Kunde  erhielt,  führte  er  sein  Heer  in  Eilmärschen  über  die  Alpen  und  schlug
an  den  Ufern  der  Rhone  ein  festes  Lager  auf.  Ruhig  blieb  er  in  demselben;  seine
Soldaten  mußten  sich  erst  an  den  Anblick  der  Germanen  gewöhnen,  und  diese  entschlossen
sich  endlich  zum  Abzug.  Nun  erst  brach  auch  Marius  auf  und  folgte  ihnen  auf  dem
Fuße.  Und  als  er  so  mit  den  Germanen  bei  Aquä  Sextiä  (Aix  in  der  Provence)  angekommen
  war,  glaubte  er  einer  Schlacht  nicht  mehr  ausweichen  zu  sollen.  Ungeheure
Scharen  der  Germanen  wurden  in  derselben  niedergemetzelt,  und  als  nun  Marius  auch
den  Cimbern,  die  indessen  über  den  Brenner  herabgestiegen  waren,  entgegentrat,  gelang
es  ihm  in  der  Schlacht  von  Vercellä  im  Jahre  101  v.  Chr.  auch  diese  völlig  zu  be-