Das  romisihe  Kaisertum  und  die  Germanen.  5

—

im  Jahre  55  wieder  Gelegenheit,  den  Germanen  gegenüberzutreten.  Anlaß  hierzu  boten
die  Usipeter  und  Teukterer,  ein  germanischer  Stamm  unbekannter  Abkunft,  die  mit  den
Sueben  in  Streit  geraten  waren,  und  nun  wie  einst  die  Cimbern  und  Teutonen  als  eine
heimatlose  Schar  umherirrten.  In  der  Nähe  von  Emmerich  im  Lande  der  Menagier
lagerten  sie,  etwa  43  000  Köpfe  stark,  überfielen  die  Menagier,  machten  alles  nieder  und
blieben  für  den  Winter  dort.  Cäsar  beschloß  nun,  da  er  ein  Bündniß  zwischen  Germanen
und  Galliern  befürchtete,  ein  rasches  Vorgehen.  Einen  friedlichen  Ausgleich,  den  die
Germanen  versuchten,  wies  er  kurz  ab,  in  einer  schweren  Schlacht  wurden  die  Germanen
besiegt,  und  nun  im  Verlauf  der  nächsten  Jahre,  wo  es  noch  dann  und  wann  zu  Zusammenstößen
  kam,  änderte  sich  doch  allmählich  die  Stellung  zwischen  Germanen  und
Römern.  Im  römischen  Heere  sehen  wir  sogar  germanische  Hilfstruppen.  Vierhundert
germanische  Reiter  waren  es  gewesen,  welche  die  Schlacht  von  Noviodunum  zu  Gunsten
Cäsars  entschieden.  Die  Hauptschlacht  gegen  Vercingetorix  gewannen  Germanen,  und  in
den  Kämpfen  vor  Alesia  waren  es  wiederum  sie,  welche  denselben  zu  siegreichem  Ausgang
verhalfen.  Man  weiß  nicht,  soll  man  den  Grund  für  einen  solchen  Umschlag  der  Gesinnung
  in  germanischer  Schwäche  oder  römischer  Staatskunst  suchen.  In  jedem  Falle
war  nun  der  Germane  in  ein  neues  Stadium  seiner  Entwicklung  getreten,  heraus  aus
seinem  Vaterland,  sich  mit  dem  ersten  Kulturvolk  damaliger  Zeit  messend,  ward  auch  er
ein  anderer,  und  wenn  wir  die  Schilderung,  die  Cäsar  von  ihm  und  seinem  Leben  gibt,
lesen,  klingt  sie  im  Vergleich  schon  mit  der  nächstfolgenden  Zeit  beinahe  wie  ein  Märchen.

3.  Dus  römisdhe  Kaollertum  und  die  Sermanen.

Ole  Schlacht  im  Teutoburger  Wald.

Cäsars  Tod  bedeutet  für  die  Geschichte  des  römischen  Volkes  einen  entschiedenen
Wendepunkt.  Zu  der  Zeit  aber,  da  Rom  in  mächtiger  Gährung  und  in  der  Gewalt
erbitterter  feindlicher  Parteien  war,  erfreute  sich  Germanien  eines  guten  Friedens.  Freilich
anders  waren  Land  und  Volk  geworden.  Den  rauhen  Söhnen  der  Natur  dünkte  Glanz
und  Pracht  eines  so  hoch  entwickelten  Kulturvolkes,  wie  des  römischen,  ein  beneidenswerter
Besitz;  wie  Kinder  nach  einem  bunten  Spielzeug  greifen,  so  freuten  auch  sie  sich  daran,
und  opferten  ihm  zuliebe  manche  Sitte,  und  manche  Lebensgewohnheit,  den  Stolz  ihrer
persönlichen  Freiheit.  So  waren  sie  nicht  allein  politisch,  sondern  auch  moralisch  von  den
Römern  abhängig  und  ihre  Stellung  zu  der  ewigen  Stadt  bildete  nun  einen  Hauptpunkt
in  ihrem  politischen  und  sozialen  Leben.  Allerdings  war  auch  bald  aus  dem  unwohnlichen,
rauhen  Germanien  ein  anderes  Land  geworden.  An  der  Grenze,  die  römisches  und
germanisches  Besitztum  schied,  waren  allmählich  aus  den  römischen  Standlagern  Städte
entstanden;  heute  noch  erinnern  die  Namen  von  einzelnen  derselben,  an  ihre  römische
Abstammung.  Friedlich  verkehrten  die  einst  so  grimmigen  Feinde  mit  einander;  ein
ganzes  Netz  von  Straßen  breiteten  die  Römer  über  ihr  Land  aus.