6  Argeschichte  der  Beutschen.

Cäsars  Nachfolger,  Octavianus  Augustus,  hatte  nicht  an  eine  Erweiterung  des
römischen  Gebiets  gedacht.  Das  gute  Verhältnis  zwischen  ihm  und  den  Germanen  scheint
allerdings  nicht  von  langer  Dauer  gewesen  zu  sein,  und  sein  Stiefsohn  Drusus  schien
offenbar  dem  Beispiel  Cäsars  folgen  zu  wollen.  Er  schlug  die  Sigambrer  und  Bataver,
rückte  in  die  Lande  der  Usipeter  ein,  besiegte  in  einer  Stromschlacht  die  Bructerer,  und
errichtete  auf  seinem  Rückweg  das  Kastell  Aliso,  das  er  durch  eine  Heerstraße  mit  der
Festung  Vetera  verband.  Ebenso  ließ  er  Mainz  und  die  Höhen  des  Taunus  befestigen.
und  nachdem  er  ebenso,  wie  sein  Bruder  Tiberius  in  Gallien,  in  Germanien  die  römische
Macht  befestigt  und  jede  Regung  eines  Widerstandes  unterdrückt  hatte,  kehrte  er  nach
Rom  zurück.

Nach  dem  Tode  des  Drusus,  der  den  Ehrennamen  Germanicus  erhielt,  wurde  sein
Bruder  Tiberius  Oberbefehlshaber  in  Germanien.  Aus  Furcht  sandten  nun  die  Germanen
Gesandte,  die  friedliche  Vorschläge  machen  sollten,  allein  da  die  Sigambrer  sich  ihnen
nicht  angeschlossen  hatten,  wurden  dieselben  auch  nicht  angenommen,  und  auch  dann  als
sich  diese  Völkerschaft  endlich  zu  Verhandlungen  verstand,  lehnten  die  Römer  dieselben  ab.
Dann  von  Tiberius  an  Augustus  gesandt,  wurden  sie  von  diesem  festgehalten  und  in
mehrere  Städte  verteilt.

Indessen  hatte  sich  doch  ein  Bund  gebildet,  dessen  Führer  Marbod  eine  den  Römern
immerhin  nicht  gleichgiltige  Person  sein  konnte.  Marbod  war  in  seiner  Jugend  selbst  in
Rom  gewesen,  und  hatte  sich  dort,  wie  so  mancher  andere  seiner  Stammesbrüder,  der
Auszeichnung  des  römischen  Kaisers  zu  erfreuen  gehabt.  Er  hatte  seine  römischen  Lehrjahre
  nicht  ungenützt  verstreichen  lassen,  und  wenn  auch  seine  Brust  die  Kette  des  römischen
Ritters  schmückte,  hatte  er  doch  sein  Leben  und  seine  Kraft  dem  Vaterland  zur  Verfügung
gestellt,  und  was  er  tat,  zeugte  von  Klugheit  und  Berechnung.  Er  hatte  seine  Markomannen
  aus  ihrem  durch  die  Römer  bedrohten  Besitz  nach  Böhmen  geführt,  den  keltischen
Stamm  der  Boier  daraus  vertrieben,  und  sich  dort  festgesetzt.

In  Rom  glaubte  man  indessen  trotz  aller  Besorgnisse  vorerst  nicht  direkt  gegen
Marbod  vorgehen  zu  sollen.  Der  kaiserliche  Legat  L.  Domitius  Ahenobarbus  schloß  mit.
den  Hermunduren  ein  Bündnis,  er  ging  über  die  Elbe  ohne  Widerstand  zu  finden,  schloß
Freundschaftsverträge  mit  den  dortigen  Völkerschaften  und  legte  von  Vetera  ab  eine  neue
Heerstraße  der  Ems  zu  an,  wobei  mancherlei  Brücken  und  Dämme  errichtet  werden
mußten.  Dagegen  fand  sein  Versuch,  von  ihren  eigenen  Landsleuten  vertriebene  Cherusker
wieder  in  die  Heimat  zurückzuführen,  entschiedenen  Widerstand  und  er  sah  sich  bald
gezwungen,  umzukehren.  Mehr  Erfolg  scheint  der  Statthalter  Sentius  Saturninus
gehabt  zu  haben,  der  ein  Mann  von  mannigfachen  Tugenden,  Strenge  mit  Milde  zu  vereinigen
  wußte.  Bald  darauf  übernahm  auch  Tiberius,  von  seinem  Stiefvater  zurückgerufen,
  wieder  den  Oberbefehl  in  Germanien,  die  Canifaten,  Attuarier,  Bructerer
wurden  unterworfen,  die  Cherusker  gewonnen.  Die  Winterquartiere  bezog  Tiberius  in
der  Nähe  von  Aliso,  im  Quellgebiet  der  Lippe,  und  gewann  im  nächsten  Frühjahr  auch
die  Stämme  der  Chauken.

Nun  erst  konnte  Tiberius  auch  daran  denken,  den  immer  stolzer  auf  seine  Macht
pochenden  Marbod  anzugreifen.  Im  Anfang  des  Jahres  6  n.  Chr.  sollte  Sentius
Saturninus  mit  sechs  Legionen  durch  das  Chattengebiet  und  den  hercynischen  Wald  gegen
das  Böhmerland  vordringen;  von  der  Donau  her,  aus  Carnuntum  wo  er  überwintert
hatte,  führte  indessen  Tiberius  das  illyrische  Heer  in  die  Südspitze  Böhmens  und  dann