Das  römische  Kaisertum  und  die  Germanen.  7

—  —  —1

wollten  beide  nach  ihrer  Vereinigung  über  das  Markomannenreich  herziehen.  Der  Plan
gelang;  schon  waren  beide  Abteilungen  einander  und  dem  Feinde  ziemlich  nahe,  als  ein
Ereignis  dazwischen  trat,  das  Marbod  nur  willkommen  sein  konnte.  Ganz  Pannonien,
Dalmatien  und  ihre  Nachbarländer  erhoben  sich  zum  Aufstand  und  Tiberius  sah  sich  nun
gezwungen,  rasch  mit  dem  Markomannenhäuptling  Frieden  zu  schließen.  Und  Marbod
war  verblendet  genug  durch  die  höfliche  Art,  wie  der  Römer  mit  diesem  Ansinnen  an
ihn  herantrat,  daß  er  die  Gelegenheit  zu  einem  gewaltigen  Schlag  unbenützt  vorbeigehen
ließ;  zuletzt  schmeichelte  es  ihm  auch,  von  dem  Römer  ganz  als  seinesgleichen  angesehen
zu  werden,  und  Tiberius  ließ  ihn  gern  in  diesem  Wahn.  Ihn  riefen  ernstere  Dinge  von
den  Böhmen  hinweg,  und  drei  Jahre  brauchte  er,  bis  er  endlich  den  drohenden  Aufstand
unterdrückt,  und  die  rebellischen  Völker  wieder  unterworfen  hatte.

Aber  das  Glück,  das  ihn  hier  begleitete,  hatte  die  Römer  anderswo  verlassen.  Der
schon  öfters  erwähnte  Sentius  Saturninus  hatte  es  vermocht,  daß  bei  den  Cheruskern,
die  den  Römern  immer  viel  zu  schaffen  machten,  mehr  und  mehr  die  römerfreundliche
Gesinnung  die  Oberhand  gewann.  So  schmeichelte  man  sich  auch  hier  mit  den  besten
Hoffnungen  für  die  Zukunft,  man  fing  an  sich  in  dem  Lande  wohl  zu  fühlen,  man  traute
auf  den  freundlichen  Verkehr  mit  den  Cheruskern,  bei  denen  namentlich  zwei  der  mächtigsten
Familien,  diejenigen  des  Segestes  und  Segimer,  die  friedlichsten  Gesinnungen  zur  Schau
trugen.  Die  Verblendung  freilich,  mit  welcher  die  Römer  ihr  Verhältnis  zu  den  Cheruskern
ansahen,  war  eine  verhängnisvolle.  Daß  es  eine  lange  Zeit  dauerte,  bis  der  unter  der
Asche  fortglimmende  Funke  als  verzehrende  Flamme  emporschlug,  das  mußte  den  Germanen
die  Klugheit  gebieten,  während  die  Römer  darin  nur  Verrat  erblickten.  Der  Kontrast
zwischen  Sentius  Saturninus  und  seinem  Nachfolger  Quintilius  Varus  in  der  Statthalterschaft
  war  ein  zu  bedeutender.  Mit  dem  Vorsatz,  die  Germanen  durch  das  römische
Recht  bilden  zu  können,  betrat  er  das  Land,  und  ahnte  nicht,  welch  schweren  Mißgriff  er
damit  beging.  Die  wilde  Gährung  in  der  sich  das  Land  unter  seiner  Herrschaft  befand,
ahnte  er  nicht.  Verborgen  blieb  ihm  auch  wie  endlich,  nachdem  Volk  und  Führer  der
Cherusker  lange  in  ohnmächtigem  Grimm  geknirscht,  und  sich  nach  einem  Befreier  gesehnt
hatten,  dieser  sich  fand.  Das  war  ein  Jüngling  von  edlem  Geschlecht,  tapferer  Hand,
schnellem  Sinn,  gewandt  im  Geiste,  mehr  als  sonst  Barbaren  es  sind,  ein  Jüngling,  aus
dessen  Augen  und  Antlitz  geistiges  Feuer  leuchtete;  Armin  der  Sohn  des  Segimer.
Zuerst  nur  wenigen  seinen  Plan  anvertrauend,  zog  er  immer  mehr  Stammgenossen  in
sein  Geheimnis,  und  ihr  furchtsames  Bedenken  vor  der  römischen  Uebermacht  hob  er
durch  ausführliches  Darlegen  seines  Planes.  Nicht  in  offener  Schlacht  sollten  die  Römer
vernichtet  werden,  in  die  dunklen  Winkel  des  Landes  gelockt  sollten  sie  den  Germanen
zum  Opfer  fallen,  und  je  dringender  die  Gefahr  wurde,  um  so  eifriger  warb  Armin.
Nichts  durfte  Varus  in  seiner  Sorglosigkeit  stören,  niemand  sollte  seine  bisherigen  Dienste
aufgeben,  damit  keinerlei  Verdacht  erregt  würde.  Mit  plumpen  Schmeicheleien  blendeten  sie
Varus  und  boten  alles  auf,  ihn  aus  seinen  festen  Lagern  und  Kastellen  hinweg  in
Sumpf=  und  Waldgegenden  zu  locken.  Und  der  römische  Feldherr  ließ  sich  täuschen.
Die  Kunde  von  dem  Aufstand  einer  im  Innern  wohnenden  Völkerschaft  kam,  und  sofort
beschloß  er  aufzubrechen.  Die  Häuptlinge  der  mit  ihm  verbündeten  germanischen  Völkerschaften
  versprachen  ihm  bald  zu  folgen,  und  die  Warnung  Segests,  der  noch  am  letzten
Abend  vor  dem  Abzug  verräterischer  Weise  dem  Varus  von  dem  Plane  Armins  berichtete,
wurde  verachtet.  Sofort  nach  dem  Abzug  der  Römer  brachen  die  Germanen  los.  Nach-