10  Urgeschichte  der  Beutschen.

sie  mit  sich,  es  war  ja  Frieden;  überdieß  begleiteten  sie  nicht  wenige  Weiber  und  Kinder
und  ein  zahlreicher  Troß,  so  daß  sie  auch  deshalb  schon  ohne  Ordnung  und  zerstrent
marschierten.  Dazu  kamen,  um  sie  noch  mehr  aus  einander  zu  bringen,  Regen  und  starker
Wind,  der  Boden  selbst  gestattete  ihnen  nur  unsichern  Tritt,  indem  man  leicht  über
Wurzeln  und  Baumstümpfe  fiel;  auch  die  Aeste,  welche  abbrachen  und  herunterstürzten,
brachten  sie  in  Unordnung.  Während  die  Römer  sich  so  in  hilfloser  Lage  befanden,  umzingelten
  die  Germanen  sie  plötzlich  von  allen  Seiten  immer  durch  das  dichteste  Gestrüpp
kommend,  da  sie  ja  der  Fußpfade  kundig  waren.  Anfangs  schleuderten  sie  von  weitem
Geschosse,  darnach  aber,  als  sich  keiner  wehrte,  und  viele  verwundet  wurden,  rückten  sie
dicht  an  die  Römer  heran.  Denn  da  diese  nicht  in  geordnetem  Zuge,  sondern  in  buntem
Gemisch  zwischen  Wagen  und  Unbewaffneten  marschierten,  konnten  sie  sich  nicht  recht  auf
einem  Punkte  sammeln,  und  waren  im  einzelnen  immer  schwächer  an  Zahl,  als  die  angreisenden
  Barbaren,  daher  litten  sie  viel  ohne  es  vergelten  zu  können.

So  schlugen  sie  denn  dort,  da  sie  —  so  weit  es  in  einem  dichtbewaldeten  Gebirge
überhaupt  möglich  war,  —  einen  passenden  Platz  gefunden  hatten,  ein  Lager  auf.  Die
Mehrzahl  der  Wagen,  und  was  ihnen  sonst  nicht  durchaus  notwendig  war,  verbrannten
sie  oder  ließen  es  im  Stich,  und  zogen  am  andern  Tag  in  besserer  Ordnung  weiter,  so
daß  sie  wirklich  an  eine  lichtere  Stelle  gelangten,  doch  kamen  sie  nicht  los,  ohne  Blut
zu  lassen.  Als  sie  aber,  von  dort  aufgebrochen,  wiederum  in  die  Waldungen  gerieten,
wehrten  sie  sich  gegen  die,  welche  auf  sie  eindrangen,  gerieten  aber  auch  gerade  dadurch
in  nicht  geringe  Not.  Denn  indem  sie  sich  auf  einen  engen  Raum  zusammendrängten,
damit  Fußvolk  und  Reiterei  zugleich  sich  mit  voller  Macht  auf  den  Feind  stürzen  könne,
hatten  sie  unter  sich,  einer  von  dem  andern  und  alle  von  den  Bäumen  viel  zu  leiden.
Kaum  hatten  sie  sich  mit  Tagesanbruch  auf  den  Weg  gemacht,  als  heftiger  Regen  und
starker  Wind  hereinbrach,  der  ihnen  weder  vorzurücken,  noch  festen  Fuß  zu  fassen  gestattete,
ja  sogar  den  Gebrauch  der  Waffen  benahm.  Denn  weder  Bogen  noch  Pfeile,  noch  die
Wurfspeere  noch  die  Schilde,  die  ja  vom  Regen  durchnäßt  waren,  konnten  sie
ordentlich  gebrauchen.  Die  Feinde,  die  der  Mehrzahl  nach  leicht  bewaffnet  waren,  und
ohne  Bedenken  angreifen  oder  zurückgehen  konnten,  wie  sie  wollten,  wurden  von  dergleichen
  Unfällen  natürlich  weniger  getroffen.  Ueberdies  waren  sie  weit  stärker  an  Zahl,
da  auch  von  denen,  welche  anfangs  noch  unschlüssig  waren,  viele  schon  um  der  Beute
willen  zu  ihnen  stießen;  deshalb  konnten  sie  jene,  deren  Zahl  bereits  verringert  war,  —
denn  viele  waren  in  den  früheren  Schlachten  umgekommen,  —  um  so  leichter  umzingeln
und  niederhauen.  Darum  vollbrachten  Varus  und  die  andern  angesehensten  Männer
aus  Furcht  entweder  gefangen  zu  werden,  oder  unter  den  Händen  erbitterter  Feinde  zu
sterben,  eine  furchtbare  Tat:  sie  töteten  sich  selbst.

Als  dies  bekannt  war,  wehrte  sich  auch  von  den  andern  keiner  mehr,  wenn  es
ihn  auch  nicht  an  Kraft  gefehlt  hätte.  Die  einen  folgten  dem  Beispiel  ihres  Anführers,
die  andern  warfen  die  Waffen  fort,  und  ließen  sich  von  den  ersten  besten  umbringen;
fliehen  konnte  keiner,  hätte  er  auch  noch  so  gerne  gewollt.  So  ward  denn  alles  ohne
Scheu  niedergehauen,  Männer  und  Rosse.

Die  Tat  war  eine  gewaltige  und  für  die  Römer  niederschmetternde.  Man  war  in
Rom  gerade  mit  der  Feier  des  Sieges  über  die  Illyrier  und  Pannonier  beschäftigt,  als
die  Nachricht  von  der  Schlacht  im  Teutoburger  Wald  eintraf.  Monate  lang  ließ  sich
der  72  jährige  Kaiser  Augustus  zum  Zeichen  der  Trauer  Haupthaar  und  Bart  wachsen.