12  Arzeschichte  der  Peutschen.

glanze.  Man  gelangte  zu  den  Wellern  der  Marser  und  umstellte  sie  mit  Posten.  Noch
streckten  sie  sich  auf  ihren  Lagern  oder  um  die  Tische,  ohne  Besorgnis,  keine  Wache  war
ausgestellt.  So  war  alle  Ordnung  in  Sorglosigkeit  untergegangen,  und  nirgends  Furcht
vor  dem  Kriege;  auch  kein  echter  Friede,  sondern  der  mattherzige,  ordnungslose  Friede
des  Betrunkenen.  Der  Cäsar  verteilte  die  kampfeslustigen  Legionen,  damit  die  Verheerung
desto  mehr  Ausdehnung  hätte,  in  vier  Züge;  eine  Strecke  von  fünfzig  Meilen  verwüstete
er  mit  Feuer  und  Schwert.  Kein  Geschlecht  und  kein  Alter  fand  Erbarmen,  Häuser  und
Heiligtümer,  auch  der  Tempel,  der  das  höchste  Ansehen  bei  jenen  Stämmen  hatte,  —  sie
nannten  ihn  Tempel  der  Tanfana  —  alles  wurde  dem  Boden  gleich  gemacht.  Unverwundet
waren  die  Soldaten,  welche  die  Feinde  halb  im  Schlaf,  unbewaffnet  oder  einzeln  umherirrend
  niedergehauen  hatten.“  Eingeschüchtert  freilich  hatte  die  Germanen  diese  Bluttat
nicht.  Mit  Mühe  nur  bewerkstelligte  der  römische  Feldherr  seinen  Rückzug.  Als  aber
Germanicus  schon  im  folgenden  Jahre  wieder  in  Germanien  erschien,  rückte  er  gegen  die
Chatten  vor,  die  sich  nach  vergeblichen  Widerstandsversuchen  in  die  Wälder  zerstreuten.
Germanicus  steckte  den  Hauptort  derselben,  Mattium  in  Brand,  und  wandte  sich  dann
wieder,  nachdem  er  die  ganze  Gegend  verwüstet  hatte,  dem  Rheine  zu,  ohne  irgendwie
vom  Feinde  belästigt  zu  werden.  Die  Cherusker  hatten  wohl  Lust  gehabt,  den  Chatten
zu  helfen,  allein  Cäcina  verstand  es  trefflich,  sie  hinzuhalten  und  besiegte  die  Marser,
die  sich  um  gleichen  Zweckes  willen  mit  ihm  in  einen  Kampf  eingelassen  hatten.  Auf
dem  Rückweg  trafen  Gesandte  des  Segest,  dessen  Tochter  Thusnelda  gegen  den  Willen
des  Vaters  die  Gattin  Armins  geworden  war,  bei  dem  römischen  Feldherrn  ein,  Hilfe  für
ihn  erbittend  gegen  die  Gewalt  seines  eigenen  Volkes,  von  dem  er  bedrängt  wurde,  da  bei
ihnen  Arminius  mehr  galt,  weil  er  zum  Krieg  riet.  Beigegeben  hatte  Segestes  den
Gesandten  seinen  Sohn  namens  Siegmund,  doch  der  Jüngling  war  voll  Bedenken,  da
sein  Gewissen  nicht  rein  war.  In  dem  Jahre  nämlich,  in  welchem  Germanien  abfiel,
hatte  er,  zum  Priester  bei  dem  Altar  der  Ubier  gewählt,  seine  Binde  zerrissen  und  sich
zu  den  Rebellen  geflüchtet.  Doch  da  man  ihm  Vertrauen  einflößte  auf  die  Gnade  der
Römer,  überbrachte  er  die  Aufträge  seines  Vaters;  er  ward  wohlwollend  ausgenommen,
und  unter  Bedeckung  an  das  gallische  Ufer  geschickt.  Germanicus  schien  es  der  Mühe
wert,  das  Heer  deshalb  umkehren  zu  lassen.  Es  kam  zum  Kampfe  gegen  die  Bedränger,
und  Segestes  ward  befreit  mit  einer  großen  Anzahl  von  Verwandten  und  Mannen.  Es
waren  dabei  edle  Frauen,  unter  ihnen  Arminius  Gattin,  zugleich  des  Segestes  Tochter,
mehr  dem  Gatten,  als  dem  Vater  gleich  gesinnt.  Keine  Träne  entrang  sich  ihr,  kein
bittendes  Wort;  die  Hände  über  der  Brust  gefaltet,  schaute  sie  zu  Boden.

In  seinem  Schmerze  bot  Armin  alles  auf,  die  Römer  zu  vernichten.  Von  Gau
zu  Gau  eilte  er,  Hilfe  gegen  Segest  und  gegen  den  Cäsar  verlangend.  Aber  so  großen
Erfolg  er  auch  damit  hatte,  so  dachte  Germanicus  doch  nicht  daran,  sich  einschüchtern  zu
lassen.  Als  er  mit  seinem  80  000  Mann  starken  Heere  in  die  Nähe  des  Schlachtfeldes
im  Teutoburger  Wald  kam,  beschloß  er  den  dort  Gefallenen  eine  Leichenfeier  zu  veranstalten,
  und  rückte  nach  dieser  dem  Arminius  in  die  Wälder  nach.  Scheinbar  wich  dieser
zurück,  plötzlich  aber  wandte  er  sich  und  rückte  im  Sturm  gegen  die  Römer  vor.  Die
Reiterei  derselben  geriet  in  Verwirrung,  die  nachgesandten  Hilfskohorten  wurden  in  die
Flucht  mit  fortgerissen,  in  einen  Sumpf  gedrängt,  wären  sie  verloren  gewesen,  wenn  nicht
Germanicus  mit  den  Legionen  vorgerückt  wäre.  Armin  brach  den  Kampf  ab,  allein
Germanicus  wagte  es  nicht,  weiter  vorzurücken,  er  kehrte  mit  seinen  Legionen  zur  Ems