16  TUrgeschichie  der  Deutschen.

aufeinander;  auf  beiden  Seiten  wurde  der  rechte  Flügel  geworfen,  und  Marbod  zog  sich  in
sein  Lager  auf  einem  Hügel  zurück.  Den  Boten,  die  er,  der  Besiegte,  nun  an  Tiberius  sandte,
gab  der  Cäsar  zur  Antwort,  daß  er  keinerlei  Recht  auf  römische  Hilfe  gegen  die  Cherusker
habe;  er  habe  die  Römer,  da  sie  gegen  den  Feind  kämpften,  auch  in  keiner  Weise  unterstützt.
Drusus  schürte  mit  fleißiger  Hand  Zwietracht  zwischen  den  Germanen,  zugleich  mit  der
Absicht,  Marbod  ins  Verderben  zu  stürzen.  Dieser  hatte  sich  indessen  nach  Böhmen  zurückgezogen
  und  nun  sollte  das  Schicksal  über  ihn  hereinbrechen.  Ein  vornehmer  Jüngling,
Kadwalda,  vielleicht  von  gotischer  Abstammung,  der  früher  vor  Marbod  hatte  fliehen  müssen,
glaubte  jetzt  dessen  mißliche  Lage  für  seine  Rache  ausnützen  zu  können.  Mit  einer  tüchtigen
Schaar  rückte  er  in  das  Land  der  Markomannen  ein,  bestach  die  Edlen  im  Volke  und
drang  in  die  Königsburg  ein.  Marbod  mußte  fliehen.  Der  Cäsar  bot  ihm  einen  Wohnsitz
  in  Italien  an;  er  siedelte  nach  Ravenna  über  und  Tiberius  benützte  ihn  als  Schreckmittel
  gegen  die  Sueben,  wenn  diese  übermütig  werden  wollten;  seinen  Ruhm  überlebend,
weil  er  zu  sehr  sein  Leben  liebte,  lebte  er  dort  noch  achtzehn  Jahre.  Und  bald  nach  ihm
fiel  auch  Armin,  Deutschlands  Befreier,  eine  jener  idealen  Gestalten,  die  nationales  Gefühl
  so  gerne  mit  dem  schönsten  Glanze  der  Männlichkeit  umgibt,  durch  Meuchelmord.
Wer  denselben  veranlaßt,  das  entzieht  sich  der  geschichtlichen  Kunde.  Mochte  er  einsehen,
daß  nur  ein  Zusammenfassen  der  rohen  Kraft  der  Germanen  in  einem  gewaltigen  Volksbund
  mit  einem  Führer  seinem  Volke  zum  Heil  sein  könne,  seine  Landsleute  erblickten
auch  hierin  ein  Streben  nach  dem  ihnen  verhaßten  Königtum.  Tacitus  berichtet,  man
habe  im  Senat  einen  Brief  des  Chattenfürsten  Adgansterius  verlesen,  worin  er  Arminius
zu  töten  versprach,  wenn  man  ihm  zur  Vollziehung  des  Mordes  Gift  schicke;  geantwortet
sei,  nicht  mit  Betrug  und  Heimlichkeiten,  sondern  offen  und  mit  den  Waffen  strafe  das
römische  Volk  seine  Feinde.  Arminius  übrigens  hatte,  da  er,  nachdem  die  Römer  abgezogen,
  und  Marbod  vertrieben  war,  nach  der  Königsherrschaft  trachtete,  den  Freiheitssinn
  seines  Volkes  gegen  sich.  Während  er,  mit  bewaffneter  Hand  angegriffen,  mir
wechselndem  Glücke  stritt,  fiel  er  durch  Hinterlist  seiner  Verwandten;  er  war  unstreitig
der  Befreier  Germaniens,  der  nicht  die  Anfänge  des  römischer  Volkes,  wie  andere
Könige  und  Feldherrn,  sondern  das  Reich  in  voller  Blüte  bekämpft  hatte,  in  den
Schlachten  des  Erfolges  nicht  sicher,  im  Kriege  unbesiegt.  Auf  siebenunddreißig  Jahre
brachte  er  sein  Leben;  zwölf  Jahre  behauptete  er  seine  Macht,  und  noch  wird  von  ihm
gesungen  bei  den  barbarischen  Stämmen,  von  ihm,  der  unbekannt  in  den  Jahrbüchern
der  Griechen,  die  nur  Griechisches  zu  bewundern  wissen,  auch  bei  uns  Römern  nicht  nach
Gebühr  gefeiert  ist,  die  wir  das  Alte  preisend,  um  Neues  unbekümmert  sind.  Eine  schöne
Inschrift  von  einem  Römer  auf  das  Grab  eines  germanischen  Helden.

A.  Bis  zur  Völkerwanderung.

Lange  scheint  nach  dem  Tode  des  Arminius  zwischen  den  Römern  und  Germanen
Friede  geherrscht  zu  haben.  Man  hatte  auf  beiden  Seiten  mit  seinen  eigenen  inneren
Angelegenheiten  genug  zu  tun;  wir  sehen  sogar  germanische  Soldaten  im  Dienst  und
Sold  der  Römer,  und  erst  im  Jahre  28  n.  Chr.  war  es  das  Volk  der  Friesen,  das  einmal
  wieder  gereizt  bis  zum  äußersten,  zu  den  Waffen  griff.  Von  den  Cheruskern  ver-