Die  Kultur  der  alten  Germanen.  19

essantes  Schauspiel,  den  in  allen  Genüssen  des  feinsten  Kulturlebens  aufgewachsenen
Römer  das  Naturleben  in  den  germanischen  Wäldern  schildern  und  bewundern  zu  sehen,
daß  man  ihm  gerne  manche  Schwäche  und  Unrichtigkeit  verzeiht.  Seinem  in  Wollust
und  Ueppigkeit  versunkenen  und  entnervten  Volke  stellt  er  die  Germanen  vor  Augen,  und
die  ernste  Tendenz  die  er  mit  dieser  Darstellung  verbindet,  läßt  ihn  die  Kontraste  schärfer
zeichnen,  die  Lichtseiten  hervorheben,  die  Schattenseiten  schonend  übergehen.  Deswegen
folgen  wir  auch  am  sichersten  seiner  Führung;  wo  neuere  Forschung  seine  Angaben
berichtigt  oder  ergänzt,  teilen  wir  deren  Resultate  mit.

Die  Germanen,  die  Tacitus  für  Autochthonen  hält,  feiern  in  alten  Liedern,  bei
ihnen  die  einzige  Art  von  Denkschrift  und  Jahrbuch,  den  Tuisto,  einen  erdgeborenen
Gott,  und  seinen  Sohn  Mannus,  Ursprung  und  Ahnherrn  des  Volkes.  Dem  Mannus
geben  sie  drei  Söhne,  nach  deren  Namen  die  zunächst  dem  Ozean  wohnenden  Ingvonen,
die  in  der  Mitte  Hermionen,  die  übrigen  Istävonen  heißen  sollten.  Einige  behaupten  —
eine  Freiheit,  wie  sie  das  graue  Altertum  gibt  —  mehr  Söhne  des  Gottes  und  mehr
Stammnamen  gebe  es;  Marser,  Gambrivier,  Sueben,  Vandilier,  und  dies  seien  die  echten
und  alten  Namen.  Uebrigens  sei  die  Bezeichnung  Germanien  neu,  und  vor  kurzem  erst
dem  Lande  beigelegt,  weil  die,  welche  zuerst  den  Rhein  überschritten,  und  die  Gallier
zurückdrängten,  jetzt  Tungrer  genannt,  damals  Germanen  hießen.  Was  so  eines  Stammes,
nicht  des  Volkes  Name  war,  sei  dadurch  allmählich  zu  größerer  Geltung  gelangt,  so  daß
alle  zuerst  nach  dem  Sieger,  um  sich  furchtbar  zu  machen,  bald  auch  untereinander  den
einmal  vorgefundenen  Namen  Germanen  brauchten.

Auch  Herkules,  erzählt  man,  sei  bei  ihnen  gewesen  und  ihn  besingen  sie  als  den
ersten  aller  tapferer  Männer,  wenn  sie  in  die  Schlacht  ziehen  wollen.  Auch  haben  sie
eine  Art  Lieder,  durch  deren  Vortrag,  von  ihnen  Barditus  genannt,  sie  den  Mut  entflammen,
  während  der  Gesang  selbst  als  Wahrzeichen  für  den  Ausgang  der  bevorstehenden
  Schlacht  gilt.  Denn  je  nachdem  er  klang,  drohen  oder  zittern  ganze  Heere,  auch
scheinen  jene  Lieder  weniger  in  Worten,  als  in  Ausbrüchen  der  Kampfwut  zu  bestehen.
Erstrebt  wird  dabei  vorzüglich  Rauheit  des  Sanges  und  ein  gebrochener  dumpfer  Ton,
indem  sie  die  Schilder  an  den  Mund  halten,  damit  um  so  voller  und  mächtiger  die
Stimme  durch  die  Resonanz  anschwelle.

Das  Land  bietet  im  einzelnen  verschiedene  Gestaltungen,  aber  der  allgemeine
Charakter  ist  schauriger  Urwald  und  düsterer  Moorgrund.  Gegen  Gallien  hin  ist  das
Klima  mehr  feucht,  gegen  Noricum  und  Pannonien  vorherrschend  windig.  Der  Boden
ist  ziemlich  ergiebig.  Obstbäume  gedeihen  nicht.  Das  Land  ist  reich  an  Vieh,  dieses
aber  meist  von  kleinem  Schlag.  Selbst  dem  Hornvieh  fehlt  das  gewohnte  stattliche  Wesen
und  der  stolze  Schmuck  des  Hauptes.  Eine  zahlreiche  Herde  ist  die  Freude  des  Germanen,
das  Vieh  sein  einziger  Reichtum.

Ist  es  der  Götter  Huld  oder  Zorn,  was  ihm  Gold  und  Silber  verweigert  hat?
Und  doch  möchte  ich  nicht  behaupten,  daß  Germanien  nicht  eine  Ader  Goldes  oder
Silbers  berge;  wer  hat  je  darnach  gesucht?  Aus  Besitz  oder  Gebrauch  jener  Metalle
machen  sie  sich  jedenfalls  nicht  viel.  Man  kann  silberne  Gefäße  bei  ihnen  haben,  Geschenke
  des  Auslandes  an  ihre  Gesandten  und  Fürsten,  welche  gerade  so  verwendet
werden,  wie  gemeines  Tongeschirr.  Nur  unsere  nächsten  Grenznachbarn  wissen  infolge
des  Handelsverkehrs  Gold  und  Silber  zu  schätzen,  kennen  und  bevorzugen  auch  diese  oder
jene  unserer  Münzsorten.  Tiefer  im  Innern  herrscht  noch  der  einfache  Tauschhandel,

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