20  UArgeschichte  der  Beutschen.

von  unserem  Gelde  sind  nur  alte  längst  bekannte  Sorten  beliebt.  Silber  nehmen  sie
lieber  als  Gold,  nicht  aus  besonderer  Liebhaberei,  sondern  weil  für  Leute,  die  alle
möglichen  unbedeutenden  Dinge  kaufen,  der  Verkehr  in  Silbermünzen  bequemer  ist.

Sogar  an  Eisen  ist  kein  Ueberfluß,  wie  sich  aus  dem  Material  der  Waffen  ergibt.
Nur  wenige  führen  Schwerter  oder  größere  Lanzen.  Ein  Speer,  in  germanischer  Sprache
eine  Frame,  ist  die  allgemeine  Waffe;  das  Eisen,  schmal  und  kurz,  aber  so  scharf  und
das  Ganze  so  handlich,  daß  es,  je  nach  Bedürfnis,  als  Stoß=  und  Wurfwaffe  dient.  Der
Reiter  begnügt  sich  mit  Schild  und  Frame,  die  Fußgänger  führen  noch  andere  Wurfgeschosse;
  und  halbnackt  wie  sie  sind,  oder  höchstens  noch  einen  leichten  Mantel  um  die
Schultern,  schleudern  sie  ihre  Waffen  auf  gewaltige  Entfernung.  Von  prunkendem
Schmucke  weiß  man  nichts,  nur  den  Schild  bemalen  sie  mit  einer  Auswahl  der  bekanntesten
  Farben.  Einen  Panzer  tragen  die  wenigsten,  kaum  ein  und  der  andere  Helm
oder  Haube.

Die  Pferde  zeichnen  sich  weder  durch  Schönheit  noch  durch  Schnelligkeit  aus,  sind
aber  auch  nicht,  wie  die  unfrigen,  auf  kunstvolle  Wendungen  dressiert;  geradeaus  geht
es  oder  mit  einer  einzigen  Schwenkung  etwa  nach  rechts  in  so  festgeschlossener  Linie,
daß  keines  hinter  dem  andern  zurückbleibt.  Im  allgemeinen  ist  das  Fußvolk  die  Hauptstärke
  und  wird  daher  auch  mitten  im  Reitergefecht  verwendet.  Zu  einem  solchen  eignet
sich  ganz  vortrefflich  die  Schnelligkeit  dieser  Fußgänger,  eines  erlesenen  Kernes  aus  der
gesamten  Kriegsmannschaft,  welche  in  die  vorderste  Linie  gestellt  werden.  Auch  die  Zahl
ist  bestimmt,  hundert  aus  jedem  Gau.  Einhundert  nennen  sie  selbst  diese  Mannschaft,
und  was  ursprünglich  eine  abstrakte  Ziffer  war,  ist  jetzt  ein  konkretes  Wort  und  ein
ehrenvoller  Name.

Der  germanischen  Schlachtordnung  liegt  die  Keilform  zu  Grunde.  Zurückweichen,
wenn  man  nur  wieder  vordringt,  gilt  eher  als  List,  denn  als  Furcht.  Die  Gefallenen
bringt  man  auch  bei  ungünstigem  Kampf  in  Sicherheit.  Die  größte  Schmach  aber  ist
das  Preisgeben  des  Schildes,  wer  es  tut,  ist  ehrlos  und  aus  der  religiösen  und  politischen
Gemeinschaft  verbannt,  und  schon  mancher,  den  die  Schlacht  verschonte,  hat  einem
schmachvollen  Dasein  durch  den  Strick  ein  Ende  gemacht.

Zum  König  adelt  die  Geburt,  zum  Heerführer  die  Tapferkeit.  Aber  die  königliche
Gewalt  ist  nicht  ein  schrankenloses  Belieben  und  auch  der  Führer  im  Feld  ist  das  nicht
sowohl  durch  seine  Stellung  an  sich,  als  durch  sein  Beispiel.  Immer  auf  dem  Platz,
immer  ein  Vorbild,  immer  voran  im  Kampf,  so  gehorcht  man  ihm,  weil  man  ihn  achtet.
Ueber  Leben  und  Tod  richten  darf  er  nicht,  auch  keinen  fesseln,  ja  nicht  einmal  schlagen
lassen.  Nur  der  Priester  darf  dies,  und  auch  dieser  vollzieht  dann  nicht  eine  Strafe  oder
einen  Befehl  des  Führers,  sondern  das  Gebot  des  Gottes,  welcher  über  der  Wahlstatt
waltet.  Denn  das  ist  germanischer  Glaube  und  darum  nehmen  sie  auch  gewisse  Bilder
und  Feldzeichen  aus  ihren  heiligen  Hainen  in  die  Schlacht  mit.

Der  wirksamste  Sporn  des  Heldenmuts  aber  liegt  darin,  daß  nicht  aus  Zufall,
nicht  aus  einem  beliebigen  Zusammenwürfeln  heraus  die  Keile,  die  Geschwader  sich  bilden,
sondern  aus  den  Familien  und  Sippschaften.  Und  diesen  in  nächster  Nähe  weilen  ihre
teuersten  Häupter,  der  Kämpfer  hört  das  Wehrufen  seines  Weibes,  das  Weinen  seiner
Kinder,  ihre  Zeugenschaft  ist  den  Männern  die  heiligste,  ihr  Beifall  der  höchste;  zur
Mutter,  zur  Gattin  schleppt  der  Mann  seine  Wunden,  und  jene  zählen  und  untersuchen
sie  ihm  ohne  Zittern  und  bringen  den  Kämpfenden  Nahrung  und  Zuspruch  ins  Gefecht.