22  Argeschichte  der  Deutschen.

Den  Grundzug,  den  Lichtkult,  Verehrung  der  wohltätigen,  dem  Menschen  segensreichen
  Mächte  des  Lichts,  wie  sie  am  Himmel  in  der  Sonne,  den  Gestirnen,  dem  Frühling
  oder  Sommer  gegenüber  den  schädlichen,  umheimlichen  Gestalten  der  Nacht,  der
Finsternis  erscheinen,  teilt  die  germanische  Nation  mit  derjenigen  des  übrigen  Volkes  der
arischen  Rasse  und  wenn  wir  auch  vor  der  Zeit,  wo  dieselbe  der  Forschung  zugänglich
geworden  ist,  mancherlei  Veränderungen  anzunehmen  haben,  so  hat  doch  dieser  Grundgedanke
  von  Licht  und  Finsternis  durch  die  ganze  germanische  Religion  hindurch  bestimmend
  gewirkt.  Nicht  ewig  dachten  sich  die  Germanen  die  Welt,  auch  nicht  als  von
Götterhand  geschaffen,  nicht  Sand,  noch  See,  noch  kühle  Wogen,  nicht  Erde  fand  sich,  noch
Himmel  oben,  ein  Schlund  der  Klüfte,  aber  Gras  nirgends.  Langsam  bildete  sich  dann  am
Nordende  dieses  weiten  leeren  Naumes  ein  dunkles  und  kaltes  Gebiet  Niflheim  (Nebelheim)
und  ihm  gegenüber  am  Südende  ein  lichtes  und  helles  Gebiet  Muspelheim.  Aus  einem
in  Niflheim  liegenden  Brunnen  ergießen  sich  zwölf  Ströme,  die  den  leeren  Raum  zwischen
dem  Reich  des  Lichts  und  der  Finsternis  füllen  und  im  Norden  zu  Eis  erstarrten.  Aus
den  Dunsttropfen  des  Eises  und  der  Glut  aus  Muspelheim  entstand  Imir,  ein  Reifriese
und  ihm  wuchsen  im  Schlase  unter  dem  Arme  Sohn  und  Tochter  hervor.  Neben  ihm
sehen  wir  bald  die  drei  Asen  Odin,  Wili  und  We,  die  Söhne  des  Riesen  Boer  und  der
Niesin  Bestlar.  Sie  erschlugen  Imir  und  in  den  gewaltigen  Blutströmen  desselben  ertranken
  alle  Reifriesen  bis  auf  ein  Paar,  das  sich  in  einem  Boote  rettete  und  von  dem
dann  das  jüngere  Geschlecht  der  Reifriesen  abstammt.  Aus  dem  Leichnam  des  Riesen
bildeten  nun  die  Götter  die  Welt,  und  wölbten  aus  seinem  Schädel  das  Dach  des  Himmels,
an  dessen  vier  Enden  sie  die  vier  Winde  Austri,  Westri,  Nordri,  Südri  setzten.  Die  Feuerfunken
  aus  Muspelheim  wurden  die  Gestirne,  das  Meer  legten  die  Riesen  um  die  Erde
und  schufen  endlich  aus  Asko  und  Embla,  Esche  und  Ulme,  die  Menschen.  Erde  und
Himmel,  Asgard,  die  Wohnung  der  Götter,  verbindet  die  Weltesche  Igdrasil,  deren
Wurzeln  bis  hinab  ins  Reich  der  Finsternis  reichen.  Wohl  besprengen  sie  die  Nornen
täglich  mit  Wasser,  aber  trotzdem  ist  auch  sie,  wie  alles  Lebende  dem  Untergang  verfallen.
  Allerhand  feindliche  Kräfte  sind  geschäftig  sie  zu  unterwühlen  und  zu  verderben.
Hoch  im  Himmel,  in  Asgard  wohnen  die  Götter,  die  Asen,  zwölf  an  der  Zahl.  An
ihrer  Spitze  steht  Odin-Wotan,  der  Gott  der  Fürsten  und  Helden,  der  Gott  des  Sieges,
aber  auch  der  des  Gedankens,  der  Schöpfer  der  Poesie  und  der  Runen.  Gewaltig  thront
er  auf  seinem  Herrschersitz,  zwei  Raben,  Hugin  und  Munin  (Gedanke  und  Erinnerung),
die  er  täglich  nach  Kundschaft  aussendet,  sitzen  auf  seinen  Schultern  und  flüstern  ihm  ins
Ohr.  Zu  seinen  Füßen  lagern  die  Wölfe,  seine  treuen  Gefährten,  denen  er  das  für  ihn
bestimmte  Fleisch  der  Eber  reicht,  da  er  selber  keiner  Kost  bedarf.  Prächtig  und  würdig
hat  ihn  Felix  Dahn,  der  Forscher  und  Dichter,  dem  wir  auf  diesem  Gebiet  am  liebsten
als  Führer  folgen,  in  seinem  Gedichte  „Odins  Trost“  gezeichnet:

Aller  Asen  acht  ich

Den  edelsten  Odin,

Weisheit  sein  Wort,  Wunder  sein  Werk,
Wonnig  sein  Wesen.

Wann  in  weichem  Weben

Frühe  Frühlings-Knospen

  er  küßt,

Können  die  Kleinen  die  Kelche