26  Urgeschichte  der  Beutschen.

und  treulose,  der  allen  Göttern  Verderben  droht,  und  neben  ihm  steht  die  finstere
Todes-Göttin  Hel-Nerthus,  die  Riesin  der  grausigen  Tiefe,  aber  auch  die  Beschützerin
und  Hegerin  des  in  den  Erdboden  versenkten  nährenden  Keimes.  Ihr  begegnen  wir
wieder  bei  Tacitus  als  der  allnährenden  Mutter  Erde,  die  sich  eines  besonderen  geheimnisvollen
  Kultus  erfreut.

Odins  Gatten  Freya-Frigg  ist  nicht  allein  die  Göttin  der  Liebe,  der  Ehe,  des
heiligen  Herdes,  des  ehelichen  Hauses  und  der  häuslichen  Wirtschaft,  die  als  Spinnerin
noch  heute  im  Glauben  des  Volkes  fortlebt,  sie  ist  auch  unter  dem  Namen  Gefion
die  Führerin  der  Walküren,  der  schlachtenkühnen  Jungfrauen,  welche  die  im  Streite
gefallenen  Helden  nach  Walhalls  Wonnen  geleiten,  wie  die  Nornen  die  Schicksale  der
Menschen  spinnen.

Um  diese  Hauptgötter  schart  sich  dann  noch  eine  Anzahl  männlicher  und  weiblicher
Asen,  die  alle,  einzelne  Seiten  im  Naturleben  verkörpernd,  von  minderer  Bedeutung
sind.  Da  sind  Heimdal,  der  Wächter  der  Regenbogenbrücke,  die  nach  Wallhall  führt,
Bragi,  der  Gott  der  Dichtkunst,  mit  seiner  Gattin  Idun,  der  Hüterin  der  Aepfel,
welche  die  Götter  gegen  das  Altwerden  schützen,  und  neben  ihr  steht  Ostara,  die
Frühlingsgöttin  mit  Siph,  der  Gemahlin  des  Thor,  und  die  Ernte=  und  Sommergötiin.

Zwischen  Göttern  und  Menschen  stehen  zahlreiche  Mittelwesen,  Elfen,  Wassergeister
und  Hausgeister,  Riesen,  Steinriesen,  Bergriesen,  Waldriesen,  Feuerriesen  und  Wasserriesen,
  namentlich  jene  gewaltige  Midgardschlange,  die  sich  rings  um  die  Erde  legt  und
am  Ende  Göttern  und  Menschen  Verderben  bringt.  Denn  wohl  lebten  die  Götter
anfangs  schuldlos  und  heiter  wie  die  Kinder  in  täglich  sich  erneuernder  Freude,  aber
mehr  und  mehr  befleckt  sie  Schuld  und  im  Verkehr  mit  ihren  Feinden,  den  Riesen,  begehen
  sie  manches  Laster  und  manches  Verbrechen.  Wohl  weiß  Odin,  daß  einmal  der
Tag  der  Vergeltung  kommen  werde,  aber  wann  er  kommt,  das  bleibt  auch  ihm  verborgen!
  —  Ein  Winter  wird  kommen,  da  stöbert  Schnee  von  allen  Seiten,  da  ist  der
Frost  groß  und  sind  die  Winde  scharf  und  die  Sonne  hat  ihre  Kraft  verloren.  Dieser
Winter  kommen  drei  nacheinander  und  kein  Sommer  dazwischen;  zuvor  aber  kommen
drei  andere  Jahre,  da  die  Welt  mit  schweren  Kriegen  erfüllt  sein  wird.  Da  werden  sich
Brüder  aus  Habgier  ums  Leben  bringen,  und  der  Sohn  des  Vaters,  der  Vater  des
Sohnes  nicht  schonen.  Da  geschieht  das,  was  als  das  Schrecklichste  gelten  wird,
daß  der  Wolf  die  Sonne  verschlingt,  den  Menschen  zum  großen  Unheil.  Der  andere
Wolf  wird  den  Mond  packen  und  so  auch  großen  Schaden  tun,  und  die  Sterne  werden
vom  Himmel  fallen.  Da  wird  sich  auch  ereignen  daß  die  Erde  bebt  und  alle  Berge,
daß  die  Bäume  entwurzelt  werden,  die  Berge  zusammenstürzen  und  alle  Ketten  und
Bande  brechen  und  reißen.  Da  wird  der  Fenriswolf  los  und  das  Meer  überflutet  das
Land,  weil  die  Midgardschlange  das  Land  sucht.  Da  wird  auch  Naglfar  flott,  das  Schiff,
das  so  heißt,  und  aus  Nägeln  der  Toten  gemacht  ist.  —  Hryms  heißt  der  Riese,  der
Naglfar  steuert.  Der  Fenriswolf  fährt  mit  klaffendem  Rachen  umher,  daß  sein  Oberkieser
  den  Himmel,  der  Unterkiefer  die  Erde  berührt,  Feuer  glüht  ihm  aus  Auge  und
Nase.  Die  Midgardschlange  speit  Gist  aus,  daß  Luft  und  Meer  entzündet  werden,  entsetzlich
  ist  ihr  Anblick,  indem  sie  dem  Wolf  zur  Seite  kämpft.  Von  diesem  Lärmen
birst  der  Himmel,  da  kommen  Muspells  Söhne  herangeritten.  Surtur  fährt  an  ihrer
Spitze,  vor  ihm  und  hinter  ihm  das  glühende  Feuer.  Sein  Schwert  ist  wunderscharf
und  glänzt  heller  als  die  Sonne.  Da  ziehen  Muspells  Söhne  nach  der  Ebene,  die