Die  Kulinr  der  alten  Germanen.  27

Migrid  heißt,  dahin  kommt  auch  der  Fenriswolf  und  die  Midgardschlange,  und  auch
Loki  wird  dort  sein  und  Hryms  und  mit  ihm  alle  Hrimthursen.  Mit  Loki  ist  Hels
ganzes  Gefolge,  und  Muspells  Söhne  haben  ihre  eigene  glänzende  Schlachtordnung.

Und  wenn  diese  Dinge  sich  begeben,  erhebt  sich  Heimdall  und  stößt  aus  aller  Kraft
ins  Giallarhorn  und  weckt  alle  Götter,  die  dann  Rat  halten.  Da  reitet  Odin  zu  Mimirs
Brunnen  und  holt  Rat  von  Mimir  für  sich  und  sein  Gefolge.  Die  Esch  Mgdrasil  bebt
und  alles  erschrickt  im  Himmel  und  auf  Erden.  Und  dann  eilen  sie  auf  dem  Kampfplatz.
ihnen  voran  Odin  im  Goldhelm  und  glänzendem  Harnisch.  In  wildem  Kampf  tötet
einer  den  andern,  und  endlich  schleudert  Surtur  Feuer  über  die  Erde  und  verbrennt  die
ganze  Welt.

Aber  aus  Schutt  und  Asche  wird  sich  eine  neue  Welt  heben,  mit  neuen  Göttern

und  neuen  Menschen.  Wenn  du  aber  noch  weiter  fragen  willst,“  schließt  die  Edda  ihre
Kunde  von  der  Götterdämmerung,  „so  weiß  ich  nicht,  woher  dir  das  kommt,  denn  nie
hört  ich  jemanden  mehr  von  dem  Schicksal  der  Welt  berichten.  Nimm  also  hiermit
fürlieb.“

Lassen  wir  nun  wieder  Tacitus  weiter  berichten:  Zeichendeutung  und  Los  spielt
auch  bei  den  Germanen  eine  große  Rolle.  Das  Verfahren  beim  Losen  ist  einfach.  Man
schneidet  einen  Zweig  von  einem  Fruchtbaum  in  kleine  Stücke,  ritzt  auf  jedes  gewisse
Zeichen  ein,  und  wirft  sie  aufs  Geratewohl  über  ein  weißes  Tuch  hinz  ist  es  eine  öffentliche
  Sache,  so  hebt  der  Priester,  in  Familienangelegenheiten  der  Familienvater  unter
Gebet  und  Aufblick  zum  Himmel  drei  Späne  nacheinander  auf,  und  gibt  sodann  aus
den  eingeschriebenen  Zeichen  seine  Deutung.  Sind  sie  verneinend,  so  erfolgt  an  dem
betreffenden  Tage  keine  weitere  Beratung,  wenn  bejahend,  so  bedürfen  sie  immer  noch
der  Bestätigung  durch  die  Auspicien.

Von  letzteren  sind  Flug  und  Stimme  der  Vögel  auch  den  Germanen  bekanntz  eigentümlich
  aber  ist  ihnen  die  Beratung  und  Weissagung  durch  das  Pferd.  In  den  oben
erwähnten  Hainen  und  Gehölzen  werden  von  Gemeindewegen  Rosse  gehalten,  schneeweiß
und  nie  durch  einen  irdischen  Dienst  entweiht.  Diese  werden  an  den  heiligen  Wagen
geschirrt,  und  der  Priester  mit  dem  Könige  oder  dem  sonstigen  Staatsoberhaupt,  geht
nebenher  und  beobachtet  das  Wiehern  und  Schnauben  der  Tiere.  Ein  Vertrauen  wie
dieses  genießt  keine  andere  Art  von  Zeichen,  und  zwar  nicht  nur  bei  der  Menge,  sondern
auch  bei  den  Häuptlingen  und  Priestern;  die  beiden  letzteren  betrachten  jene  Tiere  als
Eingeweihte  der  Götter,  sich  selbst  als  Vermittler.

Noch  besteht  eine  dritte  Art  der  prophetischen  Deutung,  durch  welche  auch  der  Erfolg
eines  ernsten  Krieges  voraus  geraten  wird.  Man  sucht  sich  aus  dem  feindlichen  Stamm
auf  irgend  eine  Weise  einen  Gefangenen  zu  verschaffen,  und  stellt  ihn  einem  erlesenen
Kämpen  des  eigenen  Volkes  gegenüber,  jeden  in  seiner  heimischen  Rüstung.  Der  Sieg  des
einen  oder  des  andern  gilt  als  Vorbedeutung  für  den  ganzen  Krieg.

Ueber  minder  bedeutende  Angelegenheiten  beraten  die  Häuptlinge,  über  die  wichtigeren
die  Gesamtheit.  Indessen  auch  wo  dem  Volke  die  Entscheidung  zusteht,  wird  die  Sache
von  den  Häuptlingen  durchgesprochen.  Für  diese  Beratungen  haben  sie,  wenn  kein  unerwarteter
  Zufall  dazwischen  tritt,  ihre  festen  Tage,  und  zwar  gelten  Neumond  oder  Vollmond
  als  günstigste  Zeit  für  die  Staatsgeschäfte.  Der  Germane  rechnet  aber  nicht  wie
wir  nach  Tagen,  sondern  nach  Nächten;  so  wird  beraumt,  so  wird  berufen,  Herrscherin
ist  die  Nacht,  in  ihrem  Gefolge  der  Tag.