Die  Kultur  der  allen  Germanen.  29

—  —  —

und  zu  wahren,  ja  die  eigene  Heldentat  der  Verherrlichung  des  Häuptlings  zu  opfern,  das
ist  die  erste  heilige  Kriegerpflicht;  der  Herr  kämpft  um  den  Sieg,  die  Mannen  um  ihren
Herrn.  Wenn  das  eigene  Heimatland  in  gar  zu  langem  Frieden  brach  und  müßig  liegt,
so  zieht  gar  oft  die  adelige  Jugend  hinaus  nach  einem  fremden  Lande,  dessen  Volk  gerade
Krieg  führt.  Ein  ruhiges  Leben  behagt  den  Germanen  nicht,  der  Ruhm  gedeiht  besser
unter  Kampf  und  Gefahr,  und  auch  jene  großen  Gefolgschaften  kann  nur  Gewalt  und
Krieg  zusammenhalten.  Die  Freigebigkeit  des  Häuptlings  ist  es,  welche  jene  germanischen
Schlachtrosse,  jene  blutigen  siegreiche  Heere  ins  Feld  treibt.  Den  Sold  nämlich  ersetzen
diesen  Gefolgschaften  Schmausereien  und  reiche,  wenn  auch  ungeschlachte  Gelage,  und  zu
solchem  Aufwand  muß  Krieg  und  Raub  die  Mittel  verschaffen.  Seinen  Boden  zu  pflügen,
den  Ertrag  des  Jahres  abzuwarten,  dazu  mochte  der  Germane  sich  schwerer  entschließen,
als  den  Feind  zu  fordern  und  sich  Wunden  zu  holen.  Faulheit,  ja  Feigheit  heißt  es  bei
ihm,  wer  im  Schweiße  seines  Angesichtes  sich  erwirbt,  was  er  mit  seinem  Blute  gewinnen
  kann.

Liegt  er  nicht  zu  Felde,  so  gehören  seine  Tage  dem  Weidwerk  noch  mehr  aber  dem
geliebten  Nichtstun,  denn  Schlafen,  Essen  und  Trinken.  In  tatenloser  Ruhe  liegen  diese
tapferen  und  kriegerischen  Leute,  die  Sorge  für  Haus  und  Herd  und  Feld  ist  den  Weibern
und  Alten  und  jedem  Schwächling  in  der  Familie  überlassen,  die  Männer  sehen  müßig
zu.  Wundersamer  Widerspruch  der  Natur,  welche  in  diesen  Menschen  den  Widerwillen
gegen  die  Untätigkeit  mit  der  Leidenschaft  des  Nichtstuns  vereinigt  hat.

Nach  Landessitte  bringt  jeder  Bürger  seinem  Häuptling  eine  freiwillige  Steuer  in
Vieh  oder  Frucht;  was  dieser  als  Ehrengabe  entgegennimmt,  dient  zugleich  als  Bestreitung
  seines  Aufwandes.  Vor  allem  willkommen  sind  Geschenke  benachbarter  Staaten,
wie  solche  nicht  immer  von  einzelnen,  sondern  auch  im  Namen  der  Gesamtheit  überreicht
werden,  edle  Rosse,  gewaltige  Waffenstücke,  Pferdegeschirr  und  Halsketten.  Neuerdings
haben  sie  auch  gelernt,  Gold  anzunehmen.  Daß  die  Völker  germanischen  Stammes  keine
Städte  haben,  ja  überhaupt  zusammenhängenden  Wohnsitzen  abhold  sind,  ist  altbekannt.
Jeder  wohnt  für  sich  und  von  den  Nachbarn  entfernt,  wie  gerade  ein  Quell,  ein  Feld,
ein  Gehölz  zur  Siedelung  ladet.  Der  germanische  Weiler  bildet  nicht  die  geschlossenen
Häuserreihen  des  römischen  Dorfes;  jeder  stellt  sein  Haus  nach  allen  Seiten  frei,  vielleicht
  zum  Schutz  gegen  Feuersgefahr,  vielleicht  weil  man  es  überhaupt  nicht  besser
versteht.  Sogar  Steinbau  und  Ziegeldach  sind  unbekannt;  alles  ist  von  Holz,  plump
und  ohne  Rücksicht  auf  Auge  und  Schönheit.  Nur  werden  einige  Teile  des  Baues  mit
einer  feinen  glänzenden  Lehmart  übertüncht  und  erinnern  so  einigermaßen  an  Malerei
und  Farbenornamentik.

Auch  unterirdische  Höhlen  graben  sie  sich,  belasten  die  Wölbung  mit  einer  dicken
Dungschichte  und  schaffen  sich  so  eine  Zuflucht  für  den  Winter  und  einen  Bergungsort
für  Lebensmittel.  Ein  solcher  Bau  macht  die  Strenge  der  Winterkälte  erträglicher,  fällt
aber  der  Feind  ins  Land,  so  plündert  er  doch  nur,  was  offen  daliegt,  jene  in  der  Tiefe
verborgenen  Schätze  kennt  er  entweder  nicht,  oder  sie  entgehen  ihm,  weil  er  sie  vorher
suchen  müßte.

Allgemeine  Volkstracht  ist  eine  Art  Mantel,  den  eine  Spange,  in  deren  Ermangelung
  ein  Dorn  zusammenhält.  So  liegen  sie,  ohne  weitere  Gewandung,  tagelang
am  Herdfeuer;  nur  sehr  Wohlhabende  zeichnen  sich  durch  eine  eigentliche  Kleidung  aus,
die  aber  nicht  weitfaltig,  sondern  eng  anliegend  ist  und  jedes  Glied  hervortreten  läßt.