30  Urgeschichte  der  Deutschen.

Auch  Tierfelle  werden  getragen,  in  der  Nähe  des  Rheins  ohne  viel  Umstände,  weiter  im
Innern  mit  mehr  Sorgfalt,  weil  kein  Handelsverkehr  sonstige  Putzwaren  dorthin  führt.
Der  Binnenländer  ist  daher  mit  den  verschiedenen  Tierarten  wählerisch  und  verbrämt
deren  Felle  noch  mit  dem  Buntwerk  gewisser  Tiere,  das  vom  nordöstlichen  Ozean  und
unbekannten  Gestaden  kommt.

Die  weibliche  Tracht  unterscheidet  sich  von  der  männlichen  nur  insofern,  als  bei
den  Frauen  leinene,  durch  Purpurrot  gehobene  Gewänder  häufiger  sind.  Diese  Kleider
haben  keine  Aermel,  Unter=  und  Oberarm  sind  bloß  und  auch  ein  Teil  der  Brust  bleibt
unbedeckt.

Aber  die  eheliche  Sitte  ist  streng  und  sie  bildet  wohl  die  achtungswerteste  Seite
germanischer  Zustände.  Die  Germanen  sind  fast  das  einzige  Barbarenvolk,  welches  sich
mit  einem  Weibe  begnügt.  Ausnahmen  sind  sehr  selten  und  auch  dann  liegt  nicht  die
Sinnlichkeit  zu  Grunde,  sondern  es  ist  die  hohe  Stellung  eines  Mannes,  welche  ihn  zum
Gegenstand  mehrfacher  Werbung  macht.

Die  Morgengabe  bringt  nicht  das  Weib  dem  Manne,  sondern  der  Mann  dem
Weibe.  Bei  der  Ueberreichung  finden  sich  Eltern  und  Verwandte  ein,  und  mustern  die
Geschenke.  Geschenke  —  aber  nicht  weibliche  Luxusdinge  oder  Schmucksachen  für  die
Neuvermählten,  sondern  Rinder  und  ein  gezäumtes  Roß  und  ein  Schild  mit  Schwert
und  Speer.  Gegen  diese  Gaben  wird  die  Frau  dem  Manne  zu  teil,  dem  sie  selbst  ihrerseits
  einige  Waffen  zubringt.  Diese  Dinge  gelten  als  das  festeste  Band,  als  das  heilige
Geheimnis,  als  die  Schirmgötter  der  Ehe.  Das  Weib  soll  nicht  wähnen,  daß  sie  außerhalb
  der  männlichen  Gedankenwelt,  außerhalb  der  kriegerischen  Ereignisse  stehe.  Drum
wird  sie  schon  auf  der  Schwelle  des  Ehestandes  belehrt,  daß  sie  eintritt  als  Genossin
von  Mühsal  und  Gefahr,  im  Frieden  und  im  Krieg  mit  dem  Mann  zu  dulden  und  zu
wagen.  Also  verkünden  ihr  die  gejochten  Ninder,  das  gezäumte  Roß,  die  dargebrachten
Waffen;  so  muß  sie  leben,  so  muß  sie  sterben,  was  sie  heut  empfängt,  das  soll  sie  unentweiht
  und  in  Ehren  dereinst  ihren  Söhnen  übergeben,  von  diesen  sollen  es  ihre  Schwiegertöchter
  entgegennehmen,  ihre  Enkel  es  erben.

So  lebt  die  Frau  im  Kreise  keuscher  Sitte  dahin,  nicht  verderbt  vom  Sinnenreiz
eines  Theaters,  vom  Taumel  der  Gelage.  Von  den  Heimlichkeiten  eines  brieflichen  Verkehrs
  weiß  weder  Mann  noch  Weib.  Ehebruch  ist  unter  diesem  doch  so  zahlreichen
Volke  ein  äußerst  seltener  Fall  und  die  Strafe,  dem  Manne  überlassen,  folgt  dem  Vergehen
  auf  dem  Fuße.  Mit  abgeschnittenen  Haaren,  kleiderlos,  in  Gegenwart  der  Verwandtschaft
  jagt  der  Gatte  die  Schuldige  zum  Hause  hinaus  und  peitscht  sie  das  ganze
Dorf  entlang.  Für  entweihte  Keuschheit  gibt  es  keine  Gnade;  nicht  Schönheit,  noch
Jugend,  noch  Reichtum  schafft  ihr  einen  Gatten.  Da  freilich  lacht  man  nicht  über  das
Laster,  und  mit  den  Schlechten  schlecht  zu  sein  heißt  man  nicht  den  Geist  der  Zeit.  Besser
wenigstens  steht  es  bis  jetzt  noch  bei  einem  Lande,  wo  nur  die  Jungfrau  sich  vermählt,
wo  mit  der  Hoffnung  und  dem  Gelübde  der  Gattin  das  Leben  für  immer  abgeschlossen
liegt.  Einmal  nur,  gleich  wie  sie  Leib  und  Leben  nur  einmal  empfing,  so  hat  sie  den
Gatten  zu  empfangen,  auf  daß  über  ihn  hinaus  fortan  kein  Gedanke  gehe,  kein  Gelüste  sich
verirre,  auf  daß  sie  gleichsam  in  dem  Gatten  nicht  den  Gatten,  sondern  die  Ehe  liebe.

Der  Kinderzahl  eine  willkürliche  Schranke  zu  setzen  oder  ein  nachgeborenes  zu
töten  gilt  als  Verruchtheit  und  die  gute  Sitte  wirkt  dort  mehr,  als  anderswo  gute
Gesetze.  So  wächst,  Haus  für  Haus,  nackt  und  dürftig  die  Jugend  heran,  zu  jenem