Die  Kultur  der  alten  Germauen.  31

Gliederbau,  zu  jenen  Riesengestalten,  an  denen  wir  staunend  hinaufschauen.  Seiner
eigenen  Mutter  Brust  hat  jeden  ernährt,  keiner  Magd-  und  Ammenwirtschaft  verfällt  das
Kind.  Das  edelgeborene  sondert  keine  feinere  Pflege  vom  unedlen,  auf  dem  gleichen
Boden  kriegen  beide,  zwischen  den  Tieren  des  Hauses  umher,  bis  das  Alter  den  Frei—
geborenen  scheidet,  der  männliche  Wert  ihn  adelt.  In  ebenbürtiger  Kraft  finden  sich
Jüngling  und  Jungfrau  und  die  Stärke  der  Eltern  spiegelt  sich  in  den  Kindern.

Die  Söhne  der  Schwester  stehen  dem  Oheim  so  nahe  wie  ihrem  eigenen  Vater.
Manche  halten  sogar  dieses  Band  der  Verwandtschaft  für  das  heiligere  und  engere  und
nehmen  daher  lieber  den  Neffen  zum  Geisel;  ein  solcher,  glauben  sie,  sei  eine  festere  Bürgschaft
  für  die  Gewissen  und  eine  umfassendere  für  den  Kreis  der  betroffenen  Familie
Erben  und  Nachfolger  bleiben  jedoch  die  eigenen  Kinder  und  eines  Testaments  bedarf  es
nicht.  Sind  keine  Kinder  da,  so  folgen  als  die  nächsten  im  Besitzrecht  die  Brüder  und
die  Oheime  von  väterlicher  und  mütterlicher  Seite.  Je  größer  die  Verwandtschaft,  je
weiter  der  Kreis  der  Verschwägerung,  desto  freundlicher  gestaltet  sich  das  Alter;  die
Kinderlosigkeit  hat  ihren  Lohn  dahin.

Auch  in  die  Fehden  seines  Vaters  oder  eines  Verwandten  muß  der  Nachfolger  als
Erbe  eintreten,  so  gut  wie  in  die  freundschaftlichen  Verbindungen,  doch  brauchen  die  ersteren
nicht  unversöhnlich  fortzuerben,  selbst  Totschlag  kann  durch  eine  bestimmte  Anzahl
großen  und  kleinen  Viehes  gesühnt  werden  und  die  Buße  gilt  für  das  ganze  Haus  des
Geschädigten.  Dem  Gemeinwesen  kommt  diese  Sitte  zu  gut,  denn  Privatfehden  sind  bei
solcher  Freiheit  doppelt  gefährlich.,

Für  gesellige  Gelage  und  gastliches  Leben  hegt  kein  anderes  Volk  so  große  Leidenschaft.
  Einen  Menschen,  er  sei  wer  er  wolle,  von  seiner  Schwelle  zu  weisen  wäre  Missetat.
  Je  nach  Vermögen  tischt  jeder  dem  Fremden  sein  Bestes  auf.  Ist  der  Vorrat  zu
Ende,  so  macht  der  Wirt  den  Wegweiser  zu  einer  neuen  Herberge.  Er  geht  selbst  mit,
und  ungeladen  treten  beide  in  das  Nachbarhaus,  unterschiedslos  werden  beide  gleich
freundlich  begrüßt;  ob  bekannt  oder  unbekannt,  darnach  frägt  in  Sachen  des  Gastrechts  kein
Mensch.  Beim  Abschied  gehört  es  sich,  dem  Gast  zu  bewilligen  was  er  etwa  sich  ausbittet,
  und  der  Wirt  macht  seinerseits  ebensowenig  Umstände;  solche  Geschenke  machen
ihnen  Vergnügen.  Aber  was  einer  gibt,  das  rechnet  er  nicht  an,  was  er  empfängt,  das
verpflichtet  ihn  nicht.  Das  ganze  Verhältnis  zwischen  Wirt  und  Gast  ist  ein  herzliches.

Vom  Schlaf  weg,  der  gewöhnlich  tief  in  den  Tag  hinein  dauert,  wird  gebadet,
meist  warm,  wie  natürlich  in  einem  so  vorherrschend  winterlichen  Klima.  Auf  das  Bad
folgt  ein  Imbiß,  jeder  hat  seinen  besonderen  Sitz  und  seinen  eigenen  Tisch;  sodann  geht
es  an  die  Geschäfte  oder  auch  ebenso  häufig  zum  Gelage,  stets  mit  Waffen.  Tage  und
Nächte  durchzechen  hat  durchaus  nichts  Anstößiges.  Natürliche  Folge  solcher  Trunksucht
sind  häufige  Händel,  und  selten  bleibt  es  bei  den  Worten,  meist  endet  es  mit  Totschlag
und  Wunden.  Aber  auch  Versöhnung  von  Feindschaften,  Anknüpfung  verwandtschaftlicher
Bande,  Wahl  der  Häuptlinge,  sogar  Krieg  und  Frieden,  werden  gewöhnlich  beim  Trunke
beraten,  als  sei,  möchte  man  meinen,  nur  zu  solcher  Stunde  die  Seele  fähig,  sich
einem  einfachen  Gedanken  zu  erschließen,  für  einen  großen  sich  zu  erwärmen.  Das  ist
noch  ein  Volk  ohne  Arglist  und  Verschlagenheit,  das  in  ungezwungenem  Scherze  die
Geheimnisse  seiner  Brust  erschließt.  So  liegt  denn  eines  jeden  Meinung  heute  nackt  und
offen,  morgen  wird  sie  noch  einmal  durchgeprüft  und  beide  das  Gestern  und  das  Heute