36  Urgeschichte  der  Deutschen.

Nach  einer  kurzen  Schilderung  der  Cherusker,  die  man  dereinst  die  braven  und
gerechten  genannt,  heute  nur  noch  als  Toren  und  Weichlinge  kennt,  der  Fosen  und
Cimbern,  kommt  Tacitus  zu  den  Sueven.  „Ein  Name,  welcher  nicht  wie  der  der  Chatten
oder  Teukterer,  ein  einheitliches  Volk  bezeichnet.  Sie  haben  die  größere  Hälfte  Germaniens
inne  und  sondern  sich  in  verschiedene  selbständige  und  eigens  benannte  Stämme,  obwohl
der  Gesamtname  Sueven  ist.

Eine  Eigentümlichkeit  dieser  Völkergruppe  ist  das  zurückgekämmte  und  in  einem
Knoten  geschlungene  Haar.  Dies  unterscheidet  den  Sueven  von  den  andern  Germanen,
den  suevischen  Freien  vom  suevischen  Knecht.  Auch  bei  andern  Völkerschaften,  vielleicht
auf  Grund  einer  Stammesverwandtschaft,  vielleicht,  wie  so  oft,  nur  die  nachahmende
Mode,  erscheint  jener  Brauch,  jedoch  nur  selten  und  auf  die  Jugend  beschränkt.  Der
Sueve  zwängt  noch  als  Graukopf  das  widerspenstige  Haar  zurück,  und  selbst  auf  kahlem
Scheitel  wird  oft  noch  dieser  Schopf  gebunden.  Noch  sorgfältiger  erscheint  dieser  Kopfputz
  bei  fürstlichen  Personen.  Es  ist  Eitelkeit,  aber  eine  unschuldige,
  denn  nicht  um  Minnedienst  und  Minnesold  handelt
es  sich  hier,  sondern  riesengroß  und  furchtbar  in  die  Schlacht
zu  schreiten,  ein  Modeschmuck  ist  es  für  das  Auge  des  Todfeindes.


Als  den  ältesten  und  vornehmsten  Stamm  der  Sueven
rühmen  sich  die  Semnonen.  Der  Anspruch  auf  hohes  Alter
findet  seine  Stütze  in  einem  religiösen  Gebrauch.  Zu  be—
stimmter  Zeit  versammeln  sich  sämtliche  stammverwandte
Völker  in  der  Person  von  Abgeordneten  in  einem,  durch  der
Ahnen  Weihe  und  die  Schauer  der  Urzeit  geheiligten  Wald
und  feiern  da  mit  der  öffentlichen  Opferung  eines  Menschen
das  grauenhafte  Vorspiel  eines  barbarischen  Festes.  Noch  ein
anderes  Zeichen  der  Ehrfurcht  gilt  in  jenem  heiligen  Haine,
niemand  betritt  ihn  anders  als  gefesselt,  eine  Huldigung,  welche  ein  untergeordnetes
Wesen  der  Macht  der  Gottheit  bringt.  Fällt  einer  zu  Boden,  so  darf  er  nicht  aufstehen
oder  sich  aufheben  lassen,  auf  der  Erde  muß  er  sich  hinauswälzen.  Durch  dieses  ganze
Treiben  geht  die  Anschauung,  daß  hier  die  Wiege  des  Volkes,  hier  der  allbeherrschende
Gott,  alles  andere  untergeordnet  und  abhängig  sei.  Bestärkt  wird  diese  Vorstellung  durch
die  äußeren  Verhältnisse  der  Semnonen,  in  hundert  Gaue  teilt  sich  ihr  Gebiet  und  im
Bewußtsein  dieses  gewaltigen  Ganzen  betrachten  sie  sich  als  Haupt  des  suevischen  Stammes.

Es  folgen  die  Reudigner,  Avionen,  Angeln,  Variner,  Eudosen,  Suardonen  und  Ninthonen,
sie  alle  durch  Wälder  und  Flüsse  geschützt.  Sonst  bemerkenswertes  findet  sich  bei  diesen
Stämmen  nichts,  als  ihre  gemeinschaftliche  Verehrung  der  Göttin  Nerthus,  d.  h.  der
Mutter  Erde,  welche  persönlich  hier  unten  erscheinen  und  von  Volk  zu  Volk  fahren
soll.  Auf  einem  Eiland  des  Ozeans  ist  ein  heiliger  Hain,  und  in  ihm  steht  mit  einem
Tuche  bedeckt  ein  geweihter  Wagen.  Nur  der  Priester  darf  ihn  berühren,  er  auch  erkennt,
wann  die  Göttin  in  ihrem  Heiligtum  weilt,  und  geleitet  andachtsvoll  ihren  von  weiblichen
  Rindern  gezogenen  Wagen.  Dann  ist  fröhliche  Zeit  und  Festlichkeit  allerwärts,  wo
die  Göttin  einzuziehen  und  zu  verweilen  geruht.  Niemand  zieht  in  den  Krieg,  niemand
greift  zum  Schwert,  alle  Waffen  sind  geborgen,  die  einzige  Zeit,  wo  man  Frieden  und
Ruhe  kennt,  die  einzige,  wo  man  sie  lieben  lernt,  bis  die  Göttin,  des  Verkehrs  unter  den