Die  Kultur  der  alten  Germanen.  37

Sterblichen  satt,  von  demselben  Priester  in  ihr  Heiligtum  zurückgebracht  wird.  Dort
werden  Wagen  und  Gewand,  und  —  wers  glauben  mag  —  die  Göttin  selbst  in  einem
geheimen  See  gebadet.  Die  Gehilfen  dabei  sind  Sklaven,  welche  alsbald  jener  See  verschlingt.
  Darum  schwebt  geheimes  Grauen  und  heiliges  Dunkel  um  ein  Wesen,  das  der
Mensch  nur  schauen  darf,  um  zu  sterben.“

An  die  den  Römern  befreundeten  Hermunduren  schließen  sich  dann  die  Narister,
die  Markomanen  und  Quaden,  und  auf  der  Rückseite  die  Marsigner,  Gotinen,  Osen  und
Buren  an  diese  an.  Schmachvoll  nennt  es  Tacitus,  daß  die  Gotinen  Bergbau  auf  Eisen
betreiben.  Mitten  durch  das  Suevenland  zieht  ein  Gebirgskamm,  dessen  nördlichen  Teil
noch  eine  ganze  Reihe  von  Völkern  bewohnt.  Tacitus  nennt  von  ihnen  die  Lygier,
Harier,  Helvekonen,  Manimer,  Elisier  und  Nahanarvaler.  Die  Harier  sind  doppelt
furchtbar,  weil  zur  natürlichen  Wildheit  noch  raffinierte  Kunst  und  Berechnung  tritt.
Die  Schilde  schwarz,  die  Körper  bemalt,  ersehen  sie  sich  die  dunkle  Nacht  zum  Kampfe.
Schon  das  Gespenstige  und  Schattenhafte  dieser  höllischen  Heerschar  wirft  Entsetzen  in
den  Feind  und  keiner  vermag  der  überraschenden,  wie  aus  der  Unterwelt  gestiegenen
Erscheinung  zu  stehen.  Ihnen  schließen  sich  die  Gothonen  und  dem  Ozean  zu  die  Rugier
und  Lemovier  an.  Dann  kommen  die  Suionen,  ein  schifffahrendes  Volk,  und  jenseits
ihres  Landes  liegt  nach  Tacitus  und  der  antiken  Welt  Anschauung  starr  und  fast  bewegungslos
  noch  ein  anderes  Meer  als  Saum  und  äußerste  Zone  des  Erdkreises,  was
man  darum  glauben  darf,  weil  der  letzte  Glanz  der  sinkenden  Sonne  sich  bis  zu  ihrem
Wiederaufgang  erhält,  so  hell,  daß  er  die  Sterne  verdunkelt.“

Noch  erwähnt  Tacitus  die  Sitonen,  Peuciner,  Veneter,  Fennen,  ein  Volk  von
außerordentlicher  Wildheit  und  wüster  Dürftigkeit.  Dann  beginnt  auch  für  ihn  das
Reich  des  Märchens.

Wir  haben  mit  Wiedergabe  von  Tacitus  Schilderung  Germaniens  in  der  Zeit
wohl  etwas  vorgegriffen,  ohne  jedoch  befürchten  zu  müssen,  daß  sich  seine  Schilderung
nicht  mehr  mit  den  Zuständen  decke,  in  denen  wir  am  Schluß  des  letzten  Kapitels  die
Germanen  verlassen  haben.  In  manchen  Dingen  stimmt  er  mit  seinem  Vorgänger  Cäsar
überein,  manches  Neue  fügt  er  hinzu,  manches  andere  kennt  er  nicht.  Auch  ohne  den
Gegensatz  zu  den  Römern  tritt  uns  in  den  alten  Germanen  ein  eigenartiges  Volk  entgegen,
  in  dessen  politischer  und  sozialer  Verfassung  sich  die  Wahrung  der  persönlichen
Freiheit  mit  all  ihren  Schatten=  und  Lichtseiten  immer  wieder  bemerklich  macht.  Aber
auch  ein  Volk  mit  tiefem  Denken  zeigt  uns  seine  Mythologie.  „Soweit  ist  kein  anderes
heidnisches  Volk  gekommen,“  sagt  Arnold;  „deutschem  Tiefsinn  war  es  vorbehalten,  das
Schicksal  der  Welt  vorauszuahnen,  wie  es  später  in  geläuterter,  aber  doch  ähnlicher
Weise  das  Christentum  verkündet  hat.  Wohl  ist  es  nicht  die  christliche  Lehre,  die  sich  hier
ausspricht,  sondern  nur  eine  Analogie  derselben.  Aber  diese  ist  so  schlagend,  das  tiefste
Geheimnis  der  letzten  Dinge,  der  Untergang  der  Welt  infolge  des  allgemeinen  Verderbens,
  so  klar  und  deutlich  erkannt,  daß  man  fast  versucht  sein  möchte,  christliche  Einflüsse
  zur  Entstehung  dieses  Mythus  mitwirken  zu  lassen.“