Anila.  41

gingen  unter  ihrem  König  Geiserich  aus  Spanien  nach  Nordafrika,  und  eroberten  sich
diese  Provinz,  die  herrlichste  des  weströmischen  Reiches,  die  sie  nun  fürchterlich  verwüsteten.
Das  alte  Karthago  wurde  439  der  Sitz  eines  germanischen  Königs.  Die  Herrschaft  der
Westgoten  aber  umfaßte  bald  alles  Land  von  den  Pyrenäen  bis  zur  Loire  und  südlich
der  Pyrenäen  griff  sie  immer  weiter  um  sich.

So  hatte  der  erste  Vorstoß  der  Völkerwanderung  dem  weströmischen  Reiche  seine
schönsten  Provinzen  gekostet:  Afrika,  Spanien,  Südgallien,  waren  in  der  Hand  gotischer
oder  doch  germanischer  Völker.

2.  Httild.

Drohend  hing  über  Rom  eine  neue  Wolke.  „Mehr  als  fünfzig  Jahre  waren  seit
dem  ersten  Einfall  der  Hunnen  verstrichen.  Von  der  Wolga  zur  Donau  sich  ausbreitend,
hatten  diese,  deren  nationale  Macht  durch  die  beständige  Zwietracht  ihrer  Stammesfürsten
bedeutend  geschädigt  wurde,  nur  kleinere  Raubzüge  unternommen,  ja  sich  zuweilen  fremden
Herrschern  zum  Dienst  angeboten.  Rugilas  erst,  der  Gastfreund  des  Astius  war  es,  der
den  Hunnen  wieder  zu  einheitlicher  Macht  verhalf.  Von  Pannonien  aus  suchte  er  zugleich
mit  Ravenna  und  Konstantinopel  Verbindung  und  bald  herrschte  seine  Macht  im  Osten,
wie  im  Westen.  Theodosius  hatte  sich  und  seinem  Reiche  Ruhe  erkauft,  indem  er  sich
zu  einem  jährlichen  Tribut  von  350  Pfund  Goldes  verpflichtete,  und  den  Hunnen  zum
römischen  Feldherrn  ernannte.  Rugilas  Neffen,  Attila  und  Bleda  indessen  zwangen
nach  dem  Tode  ihres  Oheims  den  Kaiser,  ihnen  das  Doppelte  zuzusagen,  und  nachdem
Attila  durch  Meuchelmord  seinen  Bruder  auf  die  Seite  geschafft  hatte,  schuf  er  durch
Vereinigung  der  skytischen  und  germanischen  Völkerschaften  von  der  Wolga  bis  zum
Rhein  ein  Reich,  dessen  Glieder  den  Hunnenkönig  als  Oberherrn  anerkannten,  und  ihm
Steuer  und  Heerpflicht  leisteten.  Unter  dem  Banner  des  Mongolenfürsten  stritten
Ostgoten  und  Gepiden,  Thuringer  und  Heruler,  Turcelinger  und  Rugier,  und  die  jenseits
der  Bulgaren  seßhaften  Akaziren.“

Und  Attila  selbst,  der  gewaltige  König  Etzel  des  Nibelungenliedes:  die  Gottesgeißel
  des  Landes!  Er  ein  Sohn  Mundzuks  von  königlicher  Abkunft  war  nach  Gestalt
und  innerem  Wesen  der  echte  Sohn  des  mongolischen  Hirtenvolkes.  Er  wird  geschildert  als
ein  Mann  von  kurzer  gedrungener  Gestalt,  von  breiten  Schultern,  auf  denen  ein  großer
Kopf  von  dunkler  Gesichtsfarbe  und  flacher  Nase  und  spärlichen  Barthaaren  ruhte,  mit
tiefliegenden  kleinen  Augen,  deren  stechende  Blicke  alle,  die  sich  ihm  nahten,  mit  Zittern
und  Zagen  erfüllten.  In  dem  stolzen  Schritt  und  in  den  strengen  Mienen  sprach  sich  das
Bewußtsein  seiner  Kraft  und  der  geistigen  Ueberlegenheit  aus,  und  seine  ganze  Erscheinung
prägte  sich  den  Zeitgenossen  mit  solcher  Schrecklichkeit  ein,  daß  er  als  Geißel  Gottes  im
Munde  des  Volkes  der  Nachwelt  überliefert  wurde.  Aber  so  furchtbar  sein  Zorn  war,
und  so  erbarmungslos  er  seine  Widersacher  zermalmte,  gegen  Flehende  und  Demütige
zeigte  er  Mitleid  und  Gnade,  und  sein  gewaltiger  Herrschergeist  flößte  Vertrauen  ein,
und  fügte  zu  der  Furcht  noch  die  Macht  einer  imponierenden  Persönlichkeit.  Im  Besitze
des  heiligen  Schwertes  des  Kriegsgottes,  das  ein  Hirte  unter  hohem  Grabe  entdeckt  hatte,
war  er  nach  dem  Glauben  des  Volkes  zur  Herrschaft  berufen,  und  seine  Entwürfe  und