12  Lie  Völkerwanderung.

Handlungen  gaben  Zeugnis  von  den  kühnen  Plänen,  die  er  in  seiner  Seele  trug,  und
bei  deren  Ausführung  er  durch  den  Volksglauben  an  seine  höhere  Berufung  und  Unüberwindlichkeit
  wesentlich  gefördert  wurde.“

Bald  fand  auch  der  Hunnenkönig  Gelegenheit,  gegen  die  Oströmer  einen  Schlag  zu
führen.  Den  Unterhandlungen  zwischen  Theodosius  und  Attila  wußte  der  Vandalenkönig
Geiserich  bald  einen  so  feindlichen  Charakter  zu  geben,  daß  sich  endlich  Theodosius  im
Jahre  447  in  drei  Schlachten  von  den  Hunnen  besiegt,  zu  den  schmählichsten  Friedensbedingungen
  herbeilassen  mußte.  Nicht  lange  überlebte  der  Kaiser  diese  Schmach  und
seine  Schwester  Pulcheria,  die  nun  Herrscherin  des  Morgenlandes  wurde,  wählte  im
Jahre  450  den  Senator  Marcianus,  einen  kriegstüchtigen  und  ehrlichen  Mann,  zum
Gatten.  Und  Marcian  führte  eine  kraftvollere  Sprache  als  Theodosius.  Für  Freunde
und  Bundesgenossen  habe  er  Geschenke,  für  Feinde  Waffen  und  Truppen,  ließ  er  dem
Hunnenkönig  sagen,  als  dessen  Gesandte  mit  Ungestüm  auf  Entrichtung  des  Tributes
drangen.

Wohl  erwog  Attila  noch  eine  Zeitlang,  ob  er  nicht  abermals  gegen  das  Morgenland
sich  wenden,  oder  die  Provinzen  des  westlichen  Reiches  heimsuchen  sollte.  Aber  insonderheit
dem  aufreizenden  Benehmen  des  Vandalenkönigs  Geiserich,  der  ein  Bündnis  des  Westgotenkönigs
  Theodorich  mit  Rom  und  für  sich  Gefahr  davon  befürchtete,  gelang  es,  den
Hunnenkönig  zum  Zug  nach  den  Ufern  des  Rheins  zu  bewegen.  Mag  auch  die  Erzählung
von  der  Botschaft  der  kaiserlichen  Schwester  Honoria,  die  aus  Zorn  über  ihre  Gefangenschaft
  den  Hunnenkönig  durch  die  Aussicht  ihrer  Hand  und  der  Mitgift  des  halben
römischen  Reiches  hiibeigelockt  haben  soll,  nur  Sage  sein,  Attila  säumte  nun  nicht  mehr
lange.  Um  die  Mitte  des  5.  Jahrhunderts  brach  er  von  Pannonien  aus  mit  mehr  als
einer  halben  Million  von  Kriegern  auf  zum  Zug  gegen  das  weströmische  Reich.  Bei  der
Mündung  des  Neckars  über  den  Rhein  setzend,  drang  er  gegen  Gallien  vor,  das
Burgunderreich  und  Worms  fand,  nachdem  König  Gundicar  mit  all  den  Seinigen  durch
die  Hunnen  gefallen  war,  seinen  Untergang;  ein  Ende,  welches  der  gewaltige  Schluß  von
der  Nibelungen  Not  im  herrlichsten  Liede  verewigt  hat.  Schon  war  Orleans  von  den
Hunnen  bedroht,  da  rückte  endlich  Aëtius  mit  einem  buntgemischten  Heere  und  mit  ihm
der  Westgotenkönig  Theodorich  zum  Kampfe  gegen  Attila  heran.  Hatte  dieser  vorher
versucht,  Streit  und  Zwietracht  zwischen  den  Römern  und  Goten  zu  stiften,  so  war  es
nun  der  Energie  des  Aßtius  gelungen,  diese  Versuche  nichtig  zu  machen,  und  den  Gotenkönig
  zur  Hülfe  zu  bewegen.  Auf  die  Kunde  von  dem  Herannahen  der  Römer  zog  sich
Attila  über  die  Seine  und  Marne  zurück;  die  Nömer,  verstärkt  durch  die  Burgunder,  die
Franken,  die  Lenger,  Armoriker,  Sachsen,  Sarmaten  und  Ibrionen,  folgten  ihm  und  nun
erwartete  sie  Attila  in  der  katalaunischen  Ebene  zum  Kampf.  Bei  Chalons  an  den
Ufern  der  Marne  trafen  die  gewaltigen  Heere  im  Jahre  451  auf  einander.  Auf  Attilas
Seite  standen  vor  allen  Dingen  seine  Hunnen,  und  die  ÖOstgoten  unter  drei  Fürsten;
daneben  Thüringer,  Burgunder,  Franken,  Gepiden,  Rugier,  Skiren,  eine  unzählbare
S.har.  Die  gewaltige  Schlacht,  in  der  Germanen  gegen  Germanen  standen,  entschied  sich
gegen  Attila.  Mit  seinem  Leben  hatte  der  König  der  Westgoten  den  Sieg  bezahlt;  auf
dem  Schlachtfeld  noch  hatten  diese  seinen  Sohn  Thorismund  auf  den  Schild  gehoben,  und
alsbald  stürmte  dieser  zur  Blutrache.  Attila  zog  sich  am  Abend  in  seine  Wagenburg
zurück,  der  Hunnen  Totenklage  ertönte  die  ganze  Nacht  hindurch,  die  Sättel  seiner  Reiter  hatte
der  König  zu  einem  Scheiterhaufen  auftürmen  lassen,  um  sich  mit  seinen  Getreuen  zu