44  Die  Völkerwanderung.

verbrennen,  falls  Aëtius  am  andern  Morgen  den  Kampf  erneuerte,  aus  dem  er  keinen
Sieg  mehr  für  sich  erhoffen  durfte.  Aötius  aber  ließ  den  Hunnenkönig  ungehindert  den
Rückweg  über  den  Rhein  und  nach  Ungarn  hin  antreten.  Im  folgenden  Jahre  griff
Attila  mit  seinen  Hunnen  Italien  an,  Aquileja  wurde  zerstört,  von  den  Küsten  flüchteten
sich  die  Bewohner  in  die  Lagunen,  sengend  und  brennend  durchzog  Attila  die  Polandschaften,
  wehrlos  lag  die  ganze  Poebene  vor  dem  Eroberer.  Papst  Leo  l.  war  es  endlich,
der  Attila  zum  Rückzug  seines  Heeres  bewegte.  Im  Jahre  453  starb  Attila  und  mit  ihm
zerfiel  die  Herrschaft  der  Hunnen.  So  ruhmvoll  Attilas  Leben  war,  erzählt  Jordanius,
so  kläglich  war  sein  Ende.  Der  König  hatte  zu  den  unzähligen  Frauen,  mit  denen  er
nach  dem  Brauche  seines  Volkes  vermählt  war,  noch  eine  andere  genommen,  Ildico  hieß
sie  mit  Namen,  ein  Mädchen  von  großer  Schönheit.  Heiter  und  ausgelassen  war  er  bei
der  Hochzeit  gewesen,  dann  war  er  zur  Ruhe  gegangen  und,  von  Wein  und  Müdigkeit
übermannt,  auf  dem  Rücken  liegend,  eingeschlafen.  Blut  aber,  wie  es  ihm  oft  aus  der
Nase  floß,  strömte,  an  dem  gewöhnten  Ausgang  gehindert,  ihm  in  die  Luftröhre  und
erstickte  ihn.  So  fand  der  König,  welcher  durch  seine  Kriege  weltberühmt  geworden  ist,
in  der  Trunkenheit  ein  jammervolles  Ende.  Mit  seinem  Tode  hatte  das  Hunnenreich
seinen  inneren  Halt  verloren.  Die  Gepiden  unter  Ardarich  und  die  Ostgoten  unter  der
Anführung  der  drei  tapferen  Brüder  Walamir,  Theodemir  Widemir,  erhoben  sich  und
am  Fluß  Netad  in  Pannonien  erstritten  sich  dieselben  gegen  Ellak,  Attilas  tapferen  Enkel,
ihre  Selbständigkeit  wieder.

3.  Dus  Ende  des  weströmischen  Kelchks.

Das  weströmische  Kaiserreich  selbst  dauerte  nur  noch  wenige  Jahrzehnte.  Verleitet
von  feigen  Ratgebern  hatte  Valentinian  mit  eigener  Hand  den  Aötius  niedergestoßen.
Er  selbst  fiel  bald  ebenfalls  durch  Mord.  Nun  drangen  die  Vandalen  unter  Geiserich
aus  Afrika  über  das  Meer  nach  Rom.  Wohl  trat  auch  ihm  Papst  Leo  entgegen,  aber
zur  Umkehr  wie  einst  Attila,  konnte  er  ihn  nicht  bewegen.  Versprach  er  auch  Schonung
der  Kirche,  der  Wohngebäude  und  der  wehrlosen  Einwohner,  so  gestattete  er  doch  den
Soldaten  eine  vierzehntägige  Plünderung  und  ihr  fiel  nun  alles  zum  Opfer,  was  sich
Rom  seit  45  Jahren  wieder  neu  emporblühend  erworben  hatte.  Alles,  was  von  alten
Schätzen  noch  gerettet  worden  war,  oder  was  die  reichen  Familien  von  ihren  Landgütern
oder  fernen  Besitzungen  wieder  eingeführt  hatten,  wurde  nun  die  Beute  der  vandalischen
und  alanischen  Raubscharen.  Die  Wut  mit  der  die  Barbaren  die  unschätzbaren  Meisterwerke
  des  Altertums  raubten  oder  zerschlugen,  hat  sich  dem  Gedächtnis  der  Menschen  so
tief  eingeprägt,  daß  der  Ausdruck  „Vandalismus“  seitdem  als  Bezeichnung  roher  Verstümmelung
  von  Erzeugnissen  der  Kunst  und  des  Schönheitssinnes  unter  den  Taten  des
Frevels  sich  erhalten  hat.  Und  nicht  zufrieden  mit  dem  toten  Raub,  schleppte  Geiserich
auch  viele  Taufend  edle  Römer  jeden  Geschlechts  und  Alters,  unter  ihnen  die  Kaiserin
Eudoxia,  Valentinians  Witwe  und  ihre  beiden  Töchter,  die  letzten  Nachkommen  des  großen
Theodosius,  auf  die  Flotte,  und  kehrte  bald  schwer  beladen  mit  Beute,  Schätzen  und
Gefangenen  nach  Afrikas  Küste  in  seine  glanzvolle  Hauptstadt  zurück.

Das  war  im  Jahre  455  gewesen,  und  mehr  und  mehr  neigte  sich  Roms  Weltherrschaft
  ihrem  Ende  zu.  Ein  Spielball  in  den  Händen  der  Herrschgier  und  Habsucht,  sah