54  Die  Franken  und  Karolinger.

Chlodwig,  dem  sie  keine  edlen  Züge  abzugewinnen  wußte,  abwandte.  Denn  schlaue
Politik  und  rohe  Kraft  sind  für  sich  allein  niemals  poetisch.  Der  verklärende,  man  möchte
fast  sagen  tragische  Schauer,  der  über  die  Gestalt  Theoderichs  ausgegossen  ist,  geht
Chlodwig  vollständig  ab.  Er  gehört  der  geschichtlichen  Prosa  an,  dieser  jedoch  in  unendlich
höherem  Maße  als  Theoderich.“

2.  Chlodovechs  Ilchkommen.

Unter  seinen  vier  Söhnen,  die  alle  des  Vaters  herrischen  Sinn  geerbt  hatten,  wurde
nach  Chlodovechs  Tode  das  Frankenland  geteilt.  Theoderich,  der  älteste  Sohn,  erhjielt
freilich  den  Hauptanteil,  das  ganze  östliche  überwiegend  deutsche  Land,  das  später  den
Namen  Austrasien  führte,  mit  dem  Sitze  in  Reims.  Die  drei  jüngeren  Brüder  teilten
das  westliche  Gebiet,  das  später  Neustrien  genannt  wurde,  so,  daß  Chlodomer  von  Orleanus,
Childebert  von  Paris  und  Chlotachar  von  Soeissons  das  umliegende  Land  beherrschten.
  Trotz  dieser  Teilung  freilich  galt  das  ganze  Reich  als  ein  einheitliches,  und
gemeinsam  führten  auch  die  Brüder  ihre  Eroberungen  aus.  Ermanfried,  ein  Sohn
des  Bisino  im  Thüringerreich,  hatte  seine  beiden  Brüder  verdrängt  und  erschlagen.
Schon  an  diesen  Vorgängen  hatten  Franken  teilgenommen,  jetzt  klagten  sie  über  Vertragbruch
  und  alte  ungerächte  Grausamkeiten  der  Thüringer,  die  Greise  mit  ihren  Wagenrädern
  zermalmt  und  Knaben  an  den  Flechsen  der  Seite  an  Bäumen  aufgehängt  haben.
So  zog  denn  Theoderich  aus  zum  Kampfe  gegen  Ermanfried,  der  wohl  eine  Niederlage
erlitt,  aber  von  den  Franken  erst  dann  weiter  bekämpft  wurde,  als  sich  mit  diesen  die
Sachsen  verbunden  hatten.  Die  letzte  Feste  des  thüringischen  Königreichs  Burg  Scheidungen
wurde  erobert,  und  Ermanfried  von  den  Mauern  von  Zülpich  in  die  Tiefe  gestürzt.  Nun
teilten  Sachsen  und  Franken  das  Land,  die  ersteren  erhielten  den  Gau  Nordthüringen,
zwischen  Ocker,  Harz,  Bode,  Elbe  und  die  Gegend  südlich  vom  Harz  an  der  Saale,  Helne
bis  zur  Unstrut.  Das  übrige  Land  wurde  531  den  Franken  untertan.

Burgund  war  frei  bis  516,  solange  Gundobad  lebte.  Sein  Sohn  Sigmund,  der
das  Kloster  St.  Moritz  in  Wallis  gegründet  hatte  und  von  der  Kirche  als  Heiliger  verehrt
  wird,  nahm  nach  dem  Tode  seiner  ersten  Gattin,  einer  Tochter  Theoderichs  d.  Gr.,
eine  von  deren  Dienerinnen  zum  Weib,  wurde  aber  mit  dieser  und  seinen  Kindern  von
den  Söhnen  der  Chlotechildis,  Chlodomer,  Childebert  und  Chlotachar  ermordet;  Chlodomer
selbst  aber  siel  bald  nachher  im  Kampfe  gegen  den  Rest  der  Burgunder  unter  Godomar,
Sigmunds  Bruder.  Nun  teilten  Childebert  und  Chlotachar  sein  Land,  obgleich  er  unter
dem  Schutze  der  Chlotechildis  zwei  Söhne  hinterlassen  hatte,  die  bald  darauf  in  dem
Burghof  von  Paris  niedergemacht  wurden.  Godomar  fiel  erst  im  Jahre  532,  nun  besetzten
  die  Franken  das  Land,  und  Burgund  ward  dann  neben  Austrasien  und  Neustrien
ein  dritter  Teil  des  Frankenreichs.

Rasch  endete  das  Geschlecht  der  übrigen  Söhne  Chlodovechs.  Chlotachar  überlebte
sie  alle,  und  so  kam  558  das  große  Frankenreich  noch  einmal  unter  einen  Herrn.  Nach
seinem  Tode  561  teilten  seine  Söhne  von  Neuem,  und  wieder  gab  es  Bruderkrieg  und
Blutvergießen  im  Frankenlande.  Zwei  Königinnen  waren  es  vor  allen,  die  sich  durch
unersättliche  Rachgier  auszeichneten.  Chlotachars  beide  Söhne,  Chilperich  und  Sigbert.