62  Die  Franken  und  Karolinger.

gläubigen  Sehnsucht  allein  ab.  Bonifag  sieht  in  der  Mitte  zwischen  Chlodwig  und  Karl  dem
Großen,  nicht  sowohl  der  Zeit  nach  —  denn  Karl  war  schon  zwölf  Jahre  alt,  als  Bonifacius
sein  Martyrium  erlitt  —  sondern  als  notwendiges  Bindeglied  zwischen  beiden.  Denn
das  Reich  Karls  des  Großen  ruht  auf  ihm  nicht  minder  als  auf  Chlodwig;  dieser  hat
den  staatlichen,  Bonifaz  den  kirchlichen  Grund  dazu  gelegt.  Die  ganze  politische  Arbeit
Chlodwigs  aber  wäre  vergeblich  gewesen,  wenn  nicht  ein  größerer  Staatsmann  nach  ihm
gekommen  wäre,  der  sein  Reich  mit  sittlichem  Inhalt  und  Leben  erfüllte.  Und  daß  Karl
der  Große  das  vermochte,  das  verdankte  er  unserem  Apostel.-“

5.  Karl  der  Sroße  und  seine  Zelt  708—  814.

Nach  dem  Tode  Pippins  768  folgten  in  dem  neuen  Königtum  seine  beiden  Söhne
Karl  und  Karlmann,  unter  welche  der  Vater  das  Reich  geteilt  hatte.  Karl  herrschte
über  die  nördliche  Hälfte,  Karlmann  über  die  südliche.  Zu  dieser  Zeit  standen  nur  noch
Aquitanien,  die  Bretagne  und  Bayern  unter  ihren  Volksherzögen,  alle  übrigen  Teile
wurden  durch  Grafen  verwaltet.  In  Aquitanien  ward  nun  Hunald  der  letzte  Herzog  769
von  Karl  gefangen,  die  Herzogsgewalt  beseitigt,  und  die  Verwaltung  des  Landes  ebenfalls
  Grafen  übertragen.  An  diesem  Kampfe  nahm  Karlmann  keinen  Teil,  mehr  ein
Gegner  als  ein  Gehilfe  seines  großen  Bruders  starb  er  schon  771  und  damit  beginnt  die
Alleinherrschaft  Karls  des  Großen.  „Es  war  die  höchste  Gunst  des  Schicksals,  daß  ein
Mann  von  solchen  Herrschergaben,  von  so  strebsamem  Geiste,  so  klarer  und  fester  Willenskraft,
  solcher  Energie  im  Schaffen  und  Handeln,  solcher  Umsicht  und  Ruhmbegierde,  an
die  Spitze  eines  Landes=  und  Völkerkomplexes  trat,  dessen  lose  Elemente  zu  einem
staatlichen  und  nationalen  Ganzen  verbunden  werden  mußten,  daß  er  zu  einer  Zeit  an
das  Ruder  gelangte,  da  es  galt  die  rohen  Kräfte  durch  die  Macht  der  Bildung,  der
Religion,  des  Rechtes  zu  bändigen,  da  aus  dem  niedergeworfenen  Königreich  noch  Kulturroste
  vorhanden  waren,  die  sorgfältig  gesammelt  und  gepflegt,  die  verschiedenen  Völkerstämme
  und  Nationalitäten  zu  einigen,  und  höheren  Lebenszielen  entgegenzuführen  vermochten;
  da  die  übersprudelnde  Jugendkraft  der  germanischen  Völker  der  Zucht  und  Veredlung
  und  die  entartete  Welt  der  Romanen  einer  belebenden  und  stärkenden  Stütze  bedurfte.
  Wie  ein  Stern  in  dunkler  Nacht  leuchtet  die  hohe  Gestalt  Karls  des  Großen
aus  dem  stürmischen  Wirrsal  dieser  Uebergangszeit  hervor,  und  die  Geschichte  hat  mit
Recht  an  seinen  Namen  vorzugsweise  die  Bezeichnung  des  „Großen“  geknüpft.  Eine
geniale  Herrschernatur,  hat  der  Frankenkönig  den  fruchtbaren  und  empfänglichen  Boden,
auf  den  ihn  das  Geschick  zum  Segen  der  abendländischen  Menschheit  gestellt,  mit  unsterblichen
  Taten  und  schöpferischen  Einrichtungen  bepflanzt.  Er  war  der  Moses  des  Mittelalters,
  berufen,  die  Menschheit  durch  die  Wüste  der  Barbarei  glücklich  hindurchzuführen
und  ihr  einen  neuen  Boden  von  politischen,  bürgerlichen  und  kirchlichen  Konstitutionen
zu  geben.  Aber  bei  aller  Größe  hafteten  seiner  Natur  noch  die  Spuren  altgermanischer
Barbarei  an,  und  wie  sehr  man  seinen  Herrschergeist,  seine  Willenskraft,  und  seine  hohe
Begabung  als  Heer  sührer  und  Staatsordner,  als  Leiter  der  Kreise,  als  För  derer  der