Karl  der  Grohe  und  seine  Zeit.  67

—  ——

stärkerer  Macht  gegen  sie,  eroberte  ihre  Hauptveste,  die  hohe  Siegburg,  am  Zusammen—
fluß  der  Lenne  und  der  Ruhr,  eilte  nach  der  Eresburg,  weihte  und  befestigte  sie
aufs  neue  und  wandte  sich  dann  ohne  Verzug  nach  der  Weser.  Seine  Schnelligkeit,
und  seine  Uebermacht  an  Streitkräften  erwarben  ihm  Sieg  auf  Sieg  über  die  noch  nicht
vereinigten,  sondern  auf  drei  Seiten  sich  erst  sammelnden  Sachsen.  Nach  zwei  Feldzügen
schien  Karl  am  Ziele.  Auf  sächsischem  Boden  zu  Paderborn  hielt  er  im  Jahre  777
das  Maifeld.  Der  Anblick  der  Frankenmacht  bewog  auch  hier  wieder  eine  große  Anzahl
sächsischer  Edlen  und  Freien  zur  Unterwerfung  und  zur  Taufe.  Nur  Widukind  der
Sachsenherzog  gab  sein  Volk  und  seinen  Glauben  noch  nicht  verloren;  er  zog  es  vor,  das
Land  zu  verlassen  und  bessere  Zeiten  abzuwarten.  Kaum  war  Karl  nach  Spanien  gegen
die  Araber  abgezogen,  so  stand  Widukind,  der  indessen  zu  den  stammverwandten  noch
heidnischen  Dänen  geflohen  war,  wieder  auf  vaterländischem  Boden.  Aber  wieder  wurde
der  tapfere  Sachsenherzog  in  die  Fremde  getrieben  und  die  Sachsen  zur  Unterwerfung
gezwungen.  Ein  Maifeld,  das  Karl  782  an  den  Ufern  der  Lippe  hielt,  ließ  ihn  hoffen,
daß  der  Kampf  nun  beendet  sei.  Aber  bald  standen  die  Sachsen  wieder  unter  den
Waffen,  und  nun  griff  Karl,  um  sie  zu  schrecken,  zu  einem  grausamen  Mittel.  Zu
Verden  an  der  Aller  ließ  er  4500  sächsische  Edle  enthaupten.  Von  Gau  zu  Gau  eilte
Widukind  und  rief  zu  den  Waffen.  Mit  neuer  Wut  entbrannte  der  Kampf.  In  drei
großen  Schlachten  stießen  Franken  und  Sachsen  zusammen,  bis  zum  Jahre  785  dauerte
der  Kampf,  und  da  erst  verzweifelte  Widukind  auf  dem  seitherigen  Wege  zu  seinem  Ziele
zu  kommen.  Zu  Attigny  erschien  er  am  Hofe  Karls  des  Großen,  der  ihn  mit  großen
Ehren  empfing.  Widukind  huldigte  ihm  und  ließ  sich  taufen,  und  ihm  folgten  viele  seiner
Edlen.  Ganz  war  freilich  der  Sachsen  Widerstand  auch  jetzt  nicht  gebrochen.  Als  bei
Gelegenheit  des  Avaren-Kriegs  wegen  der  drückenden  Heeresfolge  und  des  an  die  Kirche
zu  entrichtenden  Zehnten  nochmals  eine  Erhebung  folgte,  ließ  Karl  viele  Sachsen  als
Geiseln  nach  fränkischen  Landen  abführen.  Schon  im  Jahre  782  war  ein  Kapitulare  erlassen
  worden,  durch  das  bei  den  Sachsen  der  Heerbann  eingeführt  und  das  ganze  Gebiet
unter  fränkische  Verfassungsreform  gestellt  wurde.  Im  Jahre  804  wurden  dann  zum
letztenmale  eine  große  Anzahl  von  Sachsen  in  fränkische  Lande  verpflanzt,  während  in
ihren  Sitzen  diesseits  der  Elbe  Frankenkolonien  angelegt,  das  überelbische  Gebiet  aber
den  Abotriten  überlassen  wurde.  Auch  die  Dänen  verstanden  sich  endlich  zum  Frieden  mit
den  Franken,  und  seit  810  war  die  Eider  die  Nordgrenze  des  Frankenreichs.

Noch  unterwarf  sich  nach  dem  Fall  der  Sachsen  Karl  der  Große  auch  die  Friesen,
die  freilich  ihre  Rechte  behielten  und  zu  keiner  Heeresfolge  aufgeboten  werden  durften.
In  Bayern  gebot  Thassilo  als  Herzog,  doch  nicht  selbstherrlich,  sondern  als  Lehnsherr
der  fränkischen  Krone.  Er  war  ein  Neffe  von  Pippin,  dem  Vater  Karls  des  Großen,  und
hatte  die  Schwester  der  verstoßenen  Gemahlin  Karls,  Luitberga,  die  Tochter  des  Longobardenkönigs
  Desiderius  zur  Frau.  Thassilo  arbeitete  seit  seines  Schwiegervaters  Sturz  unablässig
  an  seiner  Unabhängigkeit.  Er  war  zu  stolz,  um  ein  abhängiger  Diener  und
Werkzeug  Karls  zu  sein,  und  hatte  die  Zeiten  der  Selbstherrlichkeit  noch  nicht  vergessen.
Auch  bat  ihn  seine  Gemahlin  täglich  dringend,  ihren  durch  Karl  vom  Throne  gestürzten
Vater  und  ihre  Familie  zu  rächen.  Schon  früher  hatte  er  Schritte  getan,  welche  andeuteten,
  daß  er  nicht  willens  sei,  seine  Abhängigkeit  vom  Frankenreiche  anzuerkennen;
er  hutte  seinen  Sohn  Theodo  zum  Mitregenten  in  Bayern  erklärt,  und  Veränderungen
in  der  Verfassung  seines  Volkes  vorgenommen,  beides  eigenmächtig,  ohne  Anfrage  bei

6