Karl  der  Große  und  seine  Zeit.  71

Theiß,  im  Norden  bis  zur  Eider,  im  Süden  bis  zur  sizilischen  Meerenge.  Karls
Persönlichkeit,  die  den  immer  glücklichen  Völkerbesieger  und  Ländereroberer,  den  glorreichen
Glaubenshelden  und  weisen  Herrscher  in  sich  vereinigte,  welchem  der  alten  Cäsaren  hätte
sie  nachgestanden?  Und  im  Jahre  800  wurde  mit  dem  Königreich  Ostfranken  die  Kaiserwürde
  erblich  verbunden.

Der  Papst  war  es  gewesen,  welcher  den  Vater  Karls  als  den  der  Krone  Würdigsten
erklärt,  und  diese  ihm  zugesprochen  hatte.  Und  Pippin  und  Karl  hatten  dem  Stuhl  zu
Rom  das  weltliche  Fürstentum  zugesprochen  und  erhalten,  von  dem  die  Päpste  behaupteten,
daß  es  Konstantin  d.  G.  ihrer  Kirche  geschenkt  habe.  Karl  hatte,  so  lange  er  auf  dem
Throne  saß,  stets  treue  und  tätige  Freundschaft  mit  dem  Papst  gehalten.  Im  Jahre  795
kam  Leo  III.  auf  den  römischen  Stuhl,  er  sandte  an  Karl  als  den  Beschützer  Roms  die
Schlüssel  zum  Grabe  des  heiligen  Petrus  und  die  Fahne  der  ewigen  Stadt.  Karl  aber
erneuerte  mit  ihm  den  Bund  des  „Glaubens  und  der  Liebe“  und  erkannte  sich  verpflichtet
„zur  Verteidigung  der  Kirche  Christi  gegen  außen  und  zur  Wahrung  des  katholischen
Glaubens  gegen  innen“.  Es  war  damit  dem  König  vollkommen  Ernst;  die  Religion
ging  mit  seiner  Politik  Hand  in  Hand;  zog  er  zu  Felde,  so  führte  er  Reliquien  und
Missionare  mit  sich;  siegte  er,  so  hatte  der  Sieg  im  Lande  der  Ungläubigen  die  Taufe
der  Besiegten,  die  Gründung  von  Kirchen  und  Bistümern  zur  Folge.  Unmittelbar  nach
dem  Kriegs=  und  Siegeslärm  erscholl,  wie  es  von  ihm  heißt,  „die  Trommete  des  göttlichen
  Wortes“.  Abfall  vom  neuen  Glauben  bestrafte  er  wie  ein  Majestätsverbrechen  mit
dem  Tode,  und  er  war  im  eigentlichen  Sinne  das,  wofür  ihn  einst  eine  Synode  erklärte,
der  Regent  der  wahren  Religion.  Freilich  benutzte  er  auch  vielfach  für  seine  Regentenpläne
  und  Unternehmungen  die  Mitwirkung  der  geistlichen  Gewalt.  Als  der  Haß  des
Volkes  und  der  römischen  Großen  im  Jahre  799  den  Paypst  überfiel  und  mißhandelte,
und  dieser  schon  gefangen,  nur  mit  Mühe  entfloh  und  zu  Karl  um  Hilfe  sandte,  benutzte
dieser  die  Gelegenheit,  einen  lange  gehegten  Gedanken  auszuführen.  Er  fühlte  sich  längst
als  Cäsar  und  wollte  das,  was  er  sich  fühlte,  nun  auch  dem  Namen  nach  werden.  Er
lud  den  Papst  zu  einer  persönlichen  Besprechung  ein,  und  dieser  besuchte  auch  ohne
Säumen  den  König  in  seinem  Lager  bei  Paderborn.  Beide  verständigten  sich  aufs
freundlichste.  Nach  wenigen  Tagen  kehrte  der  Papst  zurück,  von  fränkischen  Waffen
geleitet  und  auf  seinem  Stuhl  geschützt,  und  Karl  folgte  ihm  schon  im  August  800  mit
einem  ansehnlichen  Heere  über  die  Alpen.  Am  24.  Dezember  hielt  er  seinen  Einzug  in
Rom,  um,  wie  es  hieß,  als  Schirmherr  der  ewigen  Stadt  zwischen  Papst  und  Volk  zu
vermitteln.  Schon  zu  Anfang  der  zweiten  Woche  nach  seiner  Ankunft  sammelten  sich
angeblich  zu  diesem  Zwecke  alle  geistlichen  und  weltlichen  Großen  der  Römer  und  Franken
in  der  Peterskirche;  die  Beschuldigungen  gegen  den  Papst  verstummten  vor  dieser  Versammlung,
  welche  erklärte,  daß  der  Inhaber  des  apostolischen  Stuhls  über  jedes
menschliche  Gericht  erhaben  sei,  und  Leo  stand  gerechtfertigt  da.  Am  darauffolgenden
Christfeste  ging  Karl  wieder  zur  Kirche  und  setzte  sich  im  Ornat  des  Schirmherrn  von
Rom  dem  Hauptaltar  gegenüber.  Die  Messe  war  zu  Ende.  Karl  kniete  im  Gebet
versunken,  da  plötzlich  trat  der  Papst  vor  und  setzte  dem  Betenden  eine  bereit  gehaltene
goldene  Krone  auf.  Die  in  die  Sache  eingeweihten  Bischöse  und  Priester  und  ein  Teil
des  Volkes  brachen  anf  dieses  Zeichen  in  den  Jubelruf  aus,  „dem  Augustus  Karl,  dem
von  Gott  gekrönten,  frommen,  großen,  Friede  bringenden  Kaiser  der  Römer  Leben  und
Sieg"“.  Dreimal  wiederholte  sich  dieser  Ruf  und  alles  Volk  stimmte  ein.  Leo  salbte