72  Die  Franken  und  Karolinger.

dann  Karl  zum  Kaiser.  Dieser  verbannte  alle  Feinde  Leos  aus  Rom  und  bereicherte  die
Peterskirche  mit  Gold  und  Edelgestein.  Von  da  an  erhielt  seine  Stellung  eine  höhere
Weihe  in  den  Augen  der  Zeitgenossen  und  in  seinen  eigenen.  Mit  der  Kaiserkrone  vom
Papst  gekrönt,  erschien  er  an  der  Stelle  der  alten  Cäsaren,  und  die  wichtigsten  neuen
Rechte  wuchsen  ihm  als  dem  Schirmherrn  der  Kirche  in  Rom  und  Italien  zu.  Selbst  in
Deutschland  mehrte  sich  dadurch  seine  Machtvollkommenheit.  Das  Kaisertum  hatte  eine
geheimnisvolle  Würde  für  die  Gemüter,  und  es  forderte  nicht,  wie  bisher  das  Königtum,

Karl  der  Große  auf  dem  Concil  zu  Frankfmi  a.  M.  Von  A.  Rethel.
Mit  Genehmigung  der  Photographischen  Gesellschaft  in  Berlin.

bloß  Treue,  sondern  Gehorsam.  Karl  ließ  auch  jetzt  alle  Männer  ohne  Unterschied  in
seinem  ganzen  Reiche  sich  als  Kaiser  huldigen  und  Gehorsam  geloben.

So  sehen  wir  Karl  als  Kriegsfürsten  und  Eroberer,  dessen  Siege  im  Kaisertum
ihre  Vollendung,  im  eigentlichsten  Sinne  ihre  Krone  fanden.  Ist  er  groß  und  furchtbar
auf  dem  Schlachtfeld,  so  erscheint  er  in  der  Gesetzgebung  und  Verwaltung  seines  Reiches
ehrwürdig  und  bewundernswert.  Wie  die  vielen  Völker  seines  Reichs  einen  Glauben  und
einen  weltlichen  Herrn  hatten,  so  wollte  er  sie  auch  unter  ein  Gesetz  und  unter  eine
Verwaltung  bringen,  um  so  die  auseinander  gefallenen  germanischen  Stämme  zu  einer
Nation  zu  vereinigen.  Das  aber  tat  er  mit  möglichster  Schonung  der  Sitten  und  Gesetze
des  Einzelnen.  Er  ließ  bei  allen  Stämmen,  die  noch  keine  geschriebenen  Gesetze  hatten,