Karl  der  Große  und  seine  Feil.  73

und  denen  bei  ihrer  Vereinigung  mit  dem  Frankenreich  ihre  alten  Gesetze  geblieben
waren,  diese  aufzeichnen  und  mit  Zustimmung  der  Beteiligten  so  verbessern,  daß  die
Grundzüge  seiner  allgemeinen  Gesetzgebung  darein  kamen,  und  das  Volkslied  der  Friesen,
deren  alte  Gesetze  er  wesentlich  änderte,  sang  von  ihm:  „Pippins  Sohn  Karl  war  der
beliebteste  und  beste,  er  stiftete  und  steuerte  Treue  und  Wahrheit,  er  setzte  alle  Volkskuren
und  Landrechte  und  setzte  jedem  Lande  sein  Recht.“  So  wußte  Karl  zu  schonen,  wo  er  neu
schuf.  Es  waren  Umwandlungen,  welche  von  Zusätzen  ausgingen,  und  allmählich  das
Ganze  durchdrangen.  Sie  waren  durchgreifend  und  erstreckten  sich  über  das  allgemeine
Reichsrecht,  Reichsverwaltung,  Kriegswesen,  Polizei,  Sitten,  Handel  und  Gewerbe,  Kirchenund
  Schulordnung.  Sie  waren  streng,  der  Zeit  gemäß.  Die  Gesetze  aber  wurden  zuerst
mit  den  geistlichen  und  weltlichen  Reichsständen  beraten,  dann  vor  das  Volk  zur  Zustimmung
  und  zum  Beschlusse  gebracht,  zuletzt  vom  Kaiser  bestätigt.  Die  Mitwirkung  der
Stände  des  Volkes  bei  der  Gesetzgebung  schien  ihm  unumgänglich.  Die  Versammlung  fand
bald  unter  freiem  Himmel  bald  in  der  königlichen  Pfalz  statt.  Die  Geistlichkeit  war,
wie  der  höhere  Adel,  durch  die  höheren  Mitglieder  aus  ihrer  Mitte,  das  gemeinsame
Volk  durch  Schöffen  vertreten.  Durch  außerordentliche  Kommissarien  ließ  er  überall
seine  Beamten  bewachen,  welche  die  Klagen  des  Volks  hören  und  an  ihn  berichten  mußten.
Alljährlich  durchreisten  dieselben  ihren  Bezirk,  ein  Geistlicher  und  ein  Weltlicher,  und
versammelten  je  nach  den  Monaten  die  Landesgemeinden,  wo  alles  untersucht  wurde,
geistliche  und  weltliche  Verwaltung  und  Rechtspflege.  Dieser  Staatsorganismus  kostete
zwar  viel,  aber  doch  wurde  noch  ohne  allgemeine  Umlagen  regiert,  weil  im  Kriege  jeder
Werbungspflichtige  sich  selbst  verköstigen  mußte,  die  Beamten  in  ihren  Lehen  ihren
Gehalt  hatten,  und  die  kaiserliche  Verwaltung  vom  Krongut  bestritten  wurde.  Die  Kronoder
  Kammergüter  dienten  zugleich  durch  ihren  vorzüglichen  Anbau  und  die  Benutzung
aller  Vorteile  als  Musterwirtschaften,  und  trotz  der  fast  ununterbrochenen  Kriege  hob  sich,
von  ihm  gefördert,  der  Landbau  überall.  Ebenso  kräftig  unterstützte  er  Handel  und
Gewerbe,  baute  dafür  Brücken,  errichtete  Warenniederlagen,  legte  Jahrmärkte  an,  verbesserte
  die  Straßen,  und  schaffte  unbillige  Zölle  ab.  Viel  trug  dazu  auch  bei,  daß  er
mit  Nachdruck  die  Ruhe  im  Innern  handhabte,  und  die  unzähligen  Raufereien  dadurch
niederdrückte,  daß  er  jedem  verbot,  zur  Friedenszeit  bewaffnet  umherzugehen.

In  feuriger  Liebe  zur  Wissenschaft,  in  heiligem  Eifer  für  das  Reich  des  Geistes,
für  das  Schöne  und  Wahre,  bekundete  Karl,  daß  ein  hoher  Genius  in  ihm  war.  Schon
sein  Vater  hatte  griechische  und  römische  Gelehrte  an  seinen  Hof  kommen  lassen;  doch
war  Karl  selbst  in  seiner  Jugend  in  wissenschaftlichen  Kenntnissen  sehr  zurückgeblieben.
Was  aber  der  Jüngling  im  Lärm  der  Waffen  versäumt  hatte,  das  holte  der  Mann
wieder  nach.  Jetzt  saß  er  und  lernte  als  Schüler  die  griechische  und  lateinische  Sprache;
die  mathematischen  Wissenschaften,  die  Rhetorik,  die  Geschichte  der  Menschheit.  Mit
gleicher  Liebe  warf  er  sich  auf  die  deutsche  Muttersprache.  Von  ihm  und  unter  ihm
erhielt  sie  manche  Bereicherung  und  festere  Ausprägung  in  Form  und  Bau.  In  diesem
sprachlichen,  wie  im  poetisch-historischen  und  patriotischen  Sinne  ließ  er  auch  die  zerstreuten
  Volksgesänge  der  Deutschen  sammeln,  die  Lieder  von  den  Kriegen  der  alten
Könige  der  Franken,  Burgunder  und  Goten.  In  diesem  Sinne  versammelte  er  auch  die
berühmtesten  Gelehrten  und  Schriftsteller  der  Christenheit  an  seinem  Hofe,  und  war
ihnen  nicht  König,  sondern  Freund.  Und  um  ihn  her  reihten  sich  der  edle  und  fromme
Alkuin,  ein  Angelsachse  von  reicher  Gelehrsamkeit;  Eginhard,  von  niederen  Eltern  im