Karl  der  Große  und  seine  Zeit.  77

Haupt.  Jetzt  eilen  die  Knaben  herbei.  Jagdspieße  tragen  sie,  mächtige,  versehen  mit
eiserner  Spitze,  und  das  leinene  Jagdnetz.  Und  sie  führen  die  halsgefesselten  Hunde,  die
schnelle  Bracke  und  die  gewaltige  Hatzrüde  mit  sich.  Karl  besteigt  sein  Roß  und  es  folgen
ihm  seine  Begleiter.  Hell  erklingt  die  Drommete,  das  Tor  öffnet  sich,  und  unter  frohem
Hörnerschall  stürmt  behenden  Laufes  die  Jugend  hinaus  nach  dem  morgenfrischen  Wald.

Etwas  später  verläßt  die  Königin  ihr  Gemach,  Liutgard,  Karls  Gemahlin,  begleitet
von  einer  großen  Schar.  Rosig  schimmert  ihr  glänzender  Hals  unter  dem  Scheine  des
herrlichen  Purpurs,  der  ihre  Locken  durchwindet  und  von  ihren  weißen  Schläfen  herabfällt.
  Goldene  Fransen  umsäumen  das  Purpurgewand.  Ein  Beryll  strahlt  an  ihrem
Haupte.  Ein  goldenes  Diadem  schmückt  sie,  und  den  Hals  ziert  eine  Kette  edler  Steine.
Umgeben  von  einer  Schar  edler  Jungfrauen,  schließt  sie  sich  dem  Zuge  an,  und  sprengt
einher  auf  stolzem  Rosse  unter  den  mutigen  Helden  des  Reichs.  Die  übrige  Jugend  erwartet
  an  der  Tür  des  Königs  Kinder.  Endlich  naht  sich,  umringt  von  stattlichem
Gefolge,  Karl,  der  des  Vaters  Namen  trägt  und  ihm  ähnlich  ist  an  Gestalt  und  Antlitz.
Er  besteigt  sein  Roß.  Ihm  folgt  Pippin,  ein  beherzter  Held  von  erprobter  Tapferkeit.
Strahlenden  Antlitzes,  das  Haupt  geschmückt  mit  goldenem  Reife,  sprengt  er  mit  seinem
Gefolge  zum  Tor  hinaus,  in  fröhlichem  Wettlauf  und  lautem  Getöse.  Hell  ertönen  die
Jagdhörner  und  laut  erschallt  der  Hunde  Gebell  durch  die  Morgenluft.

Nun  folgt  die  leuchtende  Schar  der  Töchter  Karls.  Allen  voraus  erglänzt  Rodtrud
auf  schnellem  Roß,  das  sie  als  die  erste  zu  gemächlichem  Schritte  bändigen  muß.  Ihr
blondes  Gelock  ist  durchflochten  von  ametystfarbenem  Band,  und  hell  leuchtet  sie  im  Gefunkel
  edler  Steine,  denn  ihr  Haupt  ziert  eine  goldene,  perlengeschmückte  Krone,  und  eine
Spange  hält  ihr  herrliches  Gewand  zusammen.  Als  die  nächste  folgt  Bertha  im  Kreise
der  Jungfrauen,  an  Stimme  und  männlichem  Sinn,  an  Haltung  und  Antlitz  dem  Vater
ähnlich.  Ihr  hohes  Haupt  trägt  ein  goldenes  Diadem,  und  goldene  Fäden  durchziehen
ihr  helles  Haar.  Ihre  Schultern  umhüllt  ein  Hermelinpelz,  und  ihr  Gewand  glänzt  von
edlem  Gestein  und  von  Perlen.  Gisela  schließt  sich  an,  strahlend  von  Schönheit,  in
prächtigem,  von  Purpurfäden  durchwobenem  Gewand.  Im  Kreise  edler  Jungfrauen  tritt
sie  aus  der  Pfalz.  Rodhaid  folgt,  geschmückt  mit  Perlen  und  Edelsteinen.  Von  ihren
Schultern  flutet  das  seidene  Gewand  hinab,  und  ihr  schönes  Haupt  ziert  die  perlengeschmückte
  Krone.  Nach  ihr  besteigt  Theoderada,  hell  leuchtenden  Angesichts,  den  Hals
geschmückt  mit  Smaragden,  und  mit  herrlichem  Gewand  umlkleidet,  das  schneeweiße  Roß.
Den  Reigen  schließt  Hiltrud.  Inmitten  des  Zuges  reitet  die  Jungfrau,  den  mutigen
Zelter  zügelnd.

Am  Waldsaum  ist  das  Jagdgefolge  des  Königs  angelangt.  Bald  werden  die  Hunde
freigelassen,  und  im  Nu  jagen  sie,  nach  Wild  spürend,  in  das  Dickicht.  Zerstreut  irren
sie  durch  den  dunklen  Bergwald,  begierig  nach  Beute.  Die  Reiter  aber  umgeben  den  Hag,
dem  flüchtigen  Wild  sich  entgegenzuwerfen.  Endlich  ist  ein  rotbrauner  Eber  im  Tale
aufgefunden  worden.  Sogleich  dringen  die  Reiter,  dem  Gebelle  folgend,  in  das  Dickicht
ein.  Hurtig  suchen  die  Rüden  den  Flüchtling  zu  erreichen.  Da  erhebt  sich  gewaltiger
Lärm  und  erfüllt  mit  lautem  Schalle  den  Forst.  Das  Jagdhorn  treibt  die  Rüden  zur
Hatz  und  in  rasender  Eile  flieht  der  wilde  Eber  über  unwegsames  Land  den  Höhen  des
Gebirges  zu.  Aber  seine  Kräfte  erlahmen.  Er  macht  Halt  und  schöpft  Atem  und  rüstet
sich  zur  Abwehr.  Hierin  und  dorthin  wirft  er  die  verfolgende  Meute,  und  fällt  sie  mit
furchtbarem  Zahn.  Da  sprengt  Karl,  schneller  als  sein  Gefolge  herzu,  und  stößt  dem