Karl  der  Große  und  seine  Zeit.  79

wo  aus  man  die  Jagd  begonnen  hatte,  nach  dem  kühlen  Quell  und  dem  schattigen  Hain,
der  mit  weitragenden  Aesten  gegen  die  Strahlen  der  Sonne  schützt.  Hier  erheben  sich
golddurchwirkte  Zelte  und  die  prächtigen  Lagerstätten  der  Herzöge.  Fröhlich  ruft  Karl
die  Gefährten  zum  fröhlichen  Mahle,  und  jedem  weist  er  seinen  Platz,  wen  das  Alter
gebeugt,  wer  in  der  Blüte  der  Jahre  steht,  und  der  Jugend,  und  auch  die  lieblichen
Jungfrauen  nehmen  ihren  Platz  ein.  Dann  befiehlt  Karl,  auf  den  Tisch  funkelnden  Wein
zu  spenden.

Die  Sonne  ist  zur  Rüste  gegangen.  Langsam  zieht  das  Dunkel  der  Nacht  herauf
und  verdrängt  des  Tages  Helle.  Nach  der  Ruhe  des  Schlummers  sehnen  sich  die  ermüdeten
  Waidgesellen.“

Karl  war  durch  und  durch  ganz  deutsch;  nichts  Fränkisch-Gallisches  war  an  ihm.
Die  Hausgüter  seiner  Familie  lagen  in  rein  deutschem  Gebiet,  in  den  Niederlanden,
seine  Geburtsstadt  war  Aachen;  das  Zentrum,  von  welchem  aus  er  sein  unermeßliches
Gebiet  regierte,  war  dasselbe  deutsche  Aachen.  Als  das  uralte  Worms,  der  sagen=  und
liederverherrlichte  Sitz  der  alten  burgundischen  Könige  und  Königinnen,  von  den  Flammen
verzehrt  ward,  schmückte  Karl  vorzüglich  Ingelheim  zum  Königssitze  aus,  auf  dem  linken
Rheinufer,  unterhalb  des  alten  Mainz,  da  wo  die  Natur  in  Höhen  und  Tal  und  Fluß
mit  ihrer  reizenden  Schönheit  ihm  entgegenlachte.  Aus  den  Sitzen  und  Schatzkammern
altherrlicher  Kunst,  aus  Rom  und  Ravenna,  ließ  er  das  Material  zum  Bau  des  neuen
Palastes  kommen,  die  hundert  Marmor=  und  Granitsäulen,  auf  denen  das  Dach
sich  erhob.

Als  Karl  sah,  daß  seine  Locken  silberweiß  waren,  gedachte  er,  wie  es  mit  seinem
Reiche  werden  solle,  wenn  er  nicht  mehr  wäre.  Im  Jahre  806  entwarf  er  mit  Zustimmung
  der  geistlichen  und  weltlichen  Großen  einen  Teilungsplan,  wonach  nach  seinem
Tode  das  Reich  unter  seine  drei  Söhne  verteilt  werden  sollte.  Aber  die  beiden  ältesten
Söhne  starben  vor  dem  Vater.  Es  war  ein  harter  Schlag,  der  fast  gleichzeitige  Tod
seiner  beiden  Heldensöhne;  aber  es  brach  den  durch  Jahre,  Arbeiten  und  Geschicke  geübten
felsigen  Karl  nicht.  Sechs  Jahre  später  teilte  er  sein  Reich  aufs  Neue.  Seinem  Enkel
Bernhard,  dem  Sohne  Pippins,  wies  er  Italien  und  den  Königsnamen,  seinem  jüngsten
noch  einzigen  Sohne  Ludwig  das  Kaisertum  und  die  Alleinherrschaft  in  allen  andern
Landen  des  großen  Frankenreichs  zu.  Das  geschah  auf  dem  Reichstag  zu  Aachen  im  Jahre
813  und  war  die  letzte  öffentliche  Handlung  Karls  d.  G.  Sechs  Monate  darauf  am
21.  Januar  814  befiel  ihn  ein  hitziges  Fieber,  welchem  er  nach  acht  Tagen  erlag.
Laut  klagte  alles  Volk  zu  Aachen  um  seinen  Tod  und  geleitete  den  einbalsamierten
Leichnam  nach  der  Liebfrauenkirche,  wo  er  noch  am  gleichen  Tage  in  der  Gruft  beigesetzt
  wurde.  Sie  bekleideten  ihn  mit  dem  Kaisermantel  und  den  anderen  Zeichen  der
Herrschaft  und  setzten  ihn  auf  einen  vergoldeten  Marmorthron,  legten  ihm  ein  goldenes
Evangelienbuch  aufs  Knie,  hefteten  ihm  auf  das  Haupt  ein  Stück  des  heiligen  Kreuzes,
und  hängten  ihm  an  die  Seite  eine  Pilgertasche.  Dann  mauerten  sie  die  Gruft  zu  und
schrieben  über  den  Eingang:  „Hier  ruht  die  Leiche  Karls,  des  großen  und  rechtgläubigen
Kaisers,  welcher  das  Reich  der  Franken  durch  herrliche  Taten  gemehrt,  und  47  Jahre
glücklich  regiert  hat.“  Er  aber  lebte  fort  durch  die  Jahrhunderte,  in  der  Liebe,  in  den
Sagen  und  Liedern  der  Völker,  die  von  ihm,  von  seinen  und  seiner  Helden  Taten  und
Abenteuern  von  Mund  zu  Munde  sich  fortpflanzen.