Die  Kaltur  unter  den  Karolingern.  85

Glück  seines  Volkes  knüpfte.  Manche  haben  geirrt  wie  er,  aber  wenige  haben  eine
Todesstunde  gehabt,  wie  die  seine,  wo  der  Schleier  sich  plötzlich  hebt,  die  lange  Täuschung
schwindet  und  der  entwölkte  Blick  prophetisch  in  die  Zukunft  dringt.

ODie  Kultur  unter  den  Korolingern.

Was  Karl  d.  G.  nicht  allein  für  die  äußere  politische  Festigung  und  Machtentfaltung
  seines  Reiches,  sondern  auch  für  die  geistige  Ausbildung  seiner  Franken  getan,
das  haben  wir  früher  schon  berichtet.  Wenn  wir  nun  am  Schluß  eines  Zeitraums,  wo
sein  Reich  und  seine  gewaltige  Schöpfung  auf  einem  Wendepunkt  angekommen  war,
einen  Blick  auf  die  geistige  Bildung  in  diesem  Zeitraum  werfen,  so  sehen  wir  hier  vor
allem  das,  was  der  große  Karl  begonnen  sich  weiter  entfalten  und  als  die  Träger
der  ganzen  Kultur  damaliger  Zeit  die  Klöster  und  die  Geistlichkeit,  wie  natürlich  nicht
anders  zu  erwarten  stand.  Denn  in  dem  gewaltigen  Drängen  und  Gähren  dieser  Geschichtsperiode,
  wo  die  Wogen  politischer  Erregung  so  hoch  gingen,  mußte  ein  jeder,  der
nicht  dem  geistlichen  Stande  angehörte,  darauf  angewiesen  sein,  teilzunehmen  an  dem
Streite  und  nur  die  Wohnstätten  des  Gottesfriedens  waren  es,  in  denen  auch  nicht
politische  Dinge  Beachtung  und  Pflege  fanden.  So  konnten  auch  die  Fürsten  damaliger
Zeit,  neben  dem  kriegerischen,  ihren  einzigen  Ruhm  noch  darin  suchen,  daß  sie  diesen
Pflegestätten  der  Wissenschaften  den  ausgedehntesten  Schutz  angedeihen  ließen.  So  erwies
  es  sich,  daß  das  Christentum,  das  auch  jetzt  noch  nicht  überall  festen  Fuß  gefaßt
hatte,  es  allein  war,  welches  eine  geistige  Kultur  zeitigen  konnte,  und  die  Missionare,
die  auch  jetzt  noch  viel  Arbeit  vorfanden,  waren  es,  die  zugleich  mit  der  Botschaft  von
Christo  in  die  heidnischen  Lande  die  ersten  Keime  einer  geistigen  Kultur  brachten.  Die
Gründung  von  Klöstern  war  auch  jetzt  das  beliebteste  und  jedenfalls  wirkungsvollste
Mittel  zu  diesem  Zweck.  Namen  wie  Sankt  Gallen,  Reichenau,  Fulda“  behalten  in  der
Kulturgeschichte  unseres  Volkes  immer  einen  Wert.  Dazu  kam  Corvey,  eine  Stiftung
Ludwigs  des  Frommen,  kam  Gandersheim,  berühmt  hauptsächlich  durch  die  Nonne
Roswitha,  eine  ludolfingische  Familienstiftung,  und  endlich  die  Klöster  Chiemsee,  Tegernsee,
  Benediktbeuren,  Wessobrunn,  Schöpfungen  der  bayrischen  Agilolfinger.

„Nicht  nur  Religion  und  Kirchentum,“  sagt  Weber,  „sondern  das  gesamte  geistige
Leben,  wie  es  sich  in  Wissenschaft,  Literatur  und  Kunst  manifestierte,  war  der  Hut  und
Pflege  des  Klerus  anheimgegeben.  Nur  Geistliche  und  Mönche  bewahrten  noch  in  den
traurigen  Tagen  der  Verödung  und  der  Verwilderung  einige  Kenntnis  der  menschlichen
und  göttlichen  Dinge;  sie  retteten  die  unter  Karl  dem  Großen  gegründeten  Schulanstalten
  vor  gänzlichem  Verfall;  sie  widmeten  ihre  Kräfte  und  Muße  der  Ingendbildung
in  den  Klosterschulen;  sie  lernten  aus  den  Werken  der  lateinischen  Kirchenväter  und  der
klassischen  Schriftsteller  des  römischen  Altertums  die  Sprache  und  die  Regeln  der  Schriftverfassung.
  Sie  reihten  in  ihren  Annalen  und  Chroniken  die  Begebenheiten  des  Tages
an  die  Geschichte  ihrer  Klöster  und  kirchlichen  Institute,  und  wiederholten  die  Taten  und
Ereignisse  der  Vergangenheit.  Sie  schmückten  den  öden  Boden  der  Wirklichkeit  mit
einigen  Blumen  und  Blüten  aus  dem  reichen  Garten  der  Poesie,  sie  nährten  mit  sorg-