88  Die  Franken  und  Karolinget.

d.  Gr.“  ist  eine  poetische  Bearbeitung  von  Einhards  Werk,  während  das  „Lobgedicht  auf
Kaiser  Berengar“  von  unbekanntem  Verfasser  sich  nach  Inhalt  und  Form  weit  über
dieses,  wie  über  andere  gleichzeitige  Produkte  erhebt.  Gleiches  ist  von  dem  Verfasser
des  „Waltharius“,  wahrscheinlich  der  Mönch  Ekkehard  von  St.  Gallen,  zu  sagen,  und
wenn  wir  nun  freilich  hierbei  bemerken,  daß  die  deutsche  Sprache  nur  notdürftig  Berücksichtigung
  und  Pflege  fand,  daß  Ulfilas  einsam  dasteht  als  der  gewaltige  Zeuge  der
Macht  auch  der  deutschen  Sprache,  so  dürfen  wir  doch  einiger  poetischer  Erzeugnisse  aus
diesem  Zeitraum  in  deutscher  Sprache  nicht  vergessen.  Der  „Heliand“  und  Otfrieds
„Evangeliumharmonie“,  das  „Wessobrunner  Gebet“,  das  noch  stark  mit  heidnisch-mythologischen
  Anschauungen  durchsetzte  Gedicht  vom  Weltbrand  „Muspilli“  sind  Beweise  dafür,
daß  das  Volksbewußtsein  auch  in  der  deutschen  Sprache  sich  nicht  ersticken  ließ,  daß  die
dichterische  Begeisterung  auch  jetzt  einen  Ausweg  suchte  und  fand.

Eine  ganz  besonders  sorgfältige  Pflege  fand  in  den  Klöstern  die  Geschichtsschreibung,
von  der  wir  im  Verlauf  unserer  Erzählung  schon  da  und  dort  Proben  erhalten  haben.
Was  vor  Karl  d.  Gr.  auf  diesem  Gebiet  geleistet  wurde,  die  Fortsetzung  von  Fredegars
Chronik,  schildernd  den  Anfang  der  Merovinger  und  die  ersten  Zeiten  der  Karolinger,
die  Annalen  von  St.  Amand,  das  fand  nun  seine  Fortsetzung  in  den  Reichsannalen,  die
namentlich  von  Karl  dem  Gr.  begünstigt  wurden.  Einhard  hatte  die  schon  des  öfteren
erwähnte  Biographie  Karls  d.  Gr.  geschrieben,  die  durch  den  Mönch  von  St.  Gallen  im
Auftrag  Karls  des  Dicken  eine  Fortsetzung  fand,  indem  er  den  reichen  Schatz  von  Erzählungen
  und  Sagen  aufzeichnete,  welche  sich  im  Munde  des  Volkes  an  Karl,  seinen
Sohn  und  den  Enkel,  Ludwig  den  Deutschen,  knüpften.  Daneben  stehen  die  „Annalen  des
Klosters  Lorsch“,  deren  Ursprung  aus  dem  Kloster  Lorsch,  wie  teilweise  Bearbeitung  durch
Einhard  in  neuerer  Zeit  freilich  bestritten  wird.  Ihre  Fortsetzung  fanden  die  Reichsannalen
  zuletzt  unter  Ludwig  d.  F.  durch  Hincmar  von  Reims.

Unter  Ludwig  dem  Deutschen  und  seinen  Söhnen  war  es  das  Kloster  Fulda,  in
welchem  die  Reichsannalen  ihre  Fortsetzung  fanden.  „Wenn  auch  die  Annalen  von
Fulda“",  sagt  Metlenbach,  „aus  einem  Kloster  hervorgegangen  sind,  und  diesen  lokalen
Ursprung  nicht  verleugnen,  so  umfaßt  doch  auch  ihr  Gesichtskreis  das  ganze  Reich,  und
die  Klostergeschichte  erscheint  ganz  als  Nebensache.  Die  Verfasser  müssen  in  naher  Verbindung
  mit  dem  Hofe  gestanden  und  unter  dem  Einfluß  desselben  geschrieben  haben,  wenn
sich  auch  kein  Zeugnis  dafür  beibringen  läßt;  sie  zeigen  sich  außerordentlich  gut  unterrichtet,
  und  beobachten  auch  als  offizielle  Reichshistoriographen  dieselben  Rücksichten,
welche  schon  in  den  Fortsetzungen  des  Fredegar  und  in  den  Lorscher  Annalen  wahrzunehmen
  sind.  Uebrigens  haben  sie  vortrefflich  geschrieben,  in  jener  schon  an  Karls  d.  Gr.
Hofe  festgestellten  Weise;  dieselbe  in  ruhiger  Würde  völlig  objektiv  gehaltene  Darstellung,
von  Jahr  zu  Jahr  fortschreitend,  mit  der  deutlichen  Absicht,  der  Nachwelt  Kunde  von
den  Ereignissen  zu  hinterlassen,  und  zugleich  ihr  Urteil  zu  bestimmen.“  Der  Mönch  Einhard
war  der  erste  der  die  Aufgabe  übernahm,  die  Fortsetzung  lieferte  Rudolf,  der  Beichtvater
König  Ludwigs  und  ein  ungenannter  Schreiber  führte  das  Werk  in  der  ältesten  Handschrift
  bis  882  fort.  „Es  fand  zwar  noch  Fortsetzer,  allein  dem  Zustand  des  Reiches  entsprechend,
  teilten  sie  sich  jetzt  in  verschiedene  Richtungen.  Den  Fuldischen  Mönchen  stand
Karl  fern,  sie  verloren  das  Amt  der  offiziellen  Annalistik,  und  ihre  weitere  Fortsetzung
bis  zum  Jahr  887  kündigt  durch  rücksichtslosen  Tadel  des  Königs  und  seiner  Räte  sogleich
  ihre  veränderte  Natur  an;  man  setzte  zwar  die  gewohnte  Tätigkeit  fort,  aber  nur