Die  Kultur  unter  den  Karolingern.  89

aus  eigenem  Antrieb,  und  der  hielt  nicht  lange  vor.  Nach  der  Vertreibung  Liutwards
(des  Kanzlers  Karls  des  Dicken)  scheint  man  in  Fulda  auf  bessere  Zeiten  gehofft  zu
haben,  als  aber  statt  dessen  die  Entthronung  Karls  durch  Arnulf  erfolgte,  sah  man  neuen
Zerrüttungen  entgegen  und  legte  die  Feder  nieder.“  Neben  diesen  Reichsannalen  liefen
eine  Reihe  Klosterannalen  aus  Quedlinburg,  Corvey,  Hersfeld,  Hildesheim,  Weißenburg,
Sankt  Gallen,  die  alle  eine  reiche  Fundgrube  für  den  Historiker  sind,  ebenso  wie  die  aus
dieser  Zeit  stammenden  Biographien  von  weltlichen  und  geistlichen  Fürsten.

In  der  Kunst  waren  es  natürlich  auch  wiederum  Klöster  und  Geistliche,  die  wir
als  deren  Hauptvertreter  finden.  Hier  ist  es  namentlich  ein  Gebiet,  das  von  ihnen  mit
großer  Sorgfalt  gepflegt,  auch  die  schönsten  Früchte  zeitigte,  nämlich  dasjenige  der
Buchmalerei.  Es  muß  an  dieser  Stelle  mit  Bedauern  darauf  hingewiesen  werden,  daß
wir  außer  den  in  den  kunstgeschichtlichen  Handbüchern  diesen  Stoff  behandelnden
Kapiteln,  noch  keine  Monographie  über  diesen  hochinteressanten  Gegenstand  besitzen.
Bucher  in  seiner  Geschichte  der  technischen  Künste  und  nach  ihm  Janitschek  behandeln
dieses  Kapitel  aus  der  Kunstgeschichte  am  ausführlichsten.

Karl  der  Große  hatte  in  dem  durch  Leo  den  Isaurier  hervorgerufenen  Bilderstreit
  entschieden  Stellung  genommen.  Er  hatte  in  einem  wahrscheinlich  von  Alkuin
verfaßten  Werk  sich  entschieden  gegen  die  Verehrung  der  Bilder  ausgesprochen,  dieselben
  dagegen  als  künstlerischen  Schmuck  von  Wänden  und  Handschriften  gelten  lassen,
allein  erst  unter  Ludwig  dem  Frommen  kam  die  Wandmalerei  mehr  in  Gebrauch.  Der
Umschwung,  den  Karl  in  der  Buchmalerei  herbeigeführt,  vollzog  sich  nur  langsam  und
erst  die  Buchmalerei  unter  seinen  Nachfolgern  zeigt  das  Reifen  jener  Saat,  die  der
große  Kaiser,  der  wie  wenige  Sterbliche  die  idealen  Forderungen  des  Geistes  mit  den
praktischen  Interessen  zu  verketten  verstand,  ausgestreut  hatte.  Als  unter  Ludwig  dem
Frommen  die  Zurückhaltung  gegen  eine  im  Sinn  der  Lehre  bilderfreundlicher  Kirchenväter
  geregelte  Bilderverehrung  zu  verschwinden  begann,  hatte  die  künstlerische  Erziehung
bereits  solche  Fortschritte  gemacht,  daß  man  auch  in  der  Buchmalerei,  wo  ausschließlich
einheimische  Kräfte  tätig  waren,  mit  kühner  Hand  daran  ging,  nicht  bloß  in  der
Darstellung  der  wichtigsten  Hergänge  des  Alten  und  Neuen  Testamentes  mit  den  altchristlichen
  Bildercyklen  zu  wetteifern,  sondern  auch  die  Heiligenlegende,  und  sogar
liturgische  Handlungen  in  den  Bereich  der  Gestaltuug  zu  ziehen.  Und  wie  man  so  mutig
das  historische  Stoffgebiet  erweiterte,  und  damit  die  Grundlagen  der  religiösen  Historienmalerei
  des  Mittelalters  legte,  für  die  nur  die  nationale  Formensprache  zu  finden  war,
so  hat  man  auch  jetzt  in  umfassender  Weise  das  Gebiet  der  Dekoration  erweitert,  und
in  der  künstlerischen  Ausstattung  der  Handschriften  eine  Pracht  entfaltet,  welche  selbst
die  von  den  Kirchenvätern  getadelte  Uppigkeit  der  künstlerischen  Ausstattung  der  römischen
altchristlichen  Handschriften  weit  übertraf.  Tatsächlich  war  auch  die  Anregung  zu  solcher
Prachtentfaltung  aus  dem  Orient  gekommen.  Am  augenfälligsten  läßt  sich  dieser  Einfluß,
der  nun  als  ein  neues  Element  in  die  Entwickelung  der  abendländischen  Buchmalerei

tritt,  in  der  Verzierung  der  sogenannten  Kanonestafeln  in  den  Evangeliarien  und  Bibeln
nachweisen.“

Es  sind  namentlich  die  Schulen  von  Metz,  Tours  und  Rheims,  die  hier  in  Betracht

kommen.  In  Rheims  tritt  der  angelsächsisch  irische  Einfluß,  in  Tours  und  Metz  der
antike  in  den  Vordergrund.