108  Bie  sächsischen  Kaiser.

zog  sich  mehr  und  mehr  in  die  Länge.  Wiederum  zog  dann  der  Kaiser  nach  Ravenna,
ohne  daß  es  ihm  gelungen  wäre,  eine  entscheidende  Wendung  herbeizuführen,  aber  bald
zog  es  ihn  wiederum  nach  Rom;  und  als  ihm  nun  aus  Deutschland  die  Nachricht  von
dem  Abfall  mancher  seiner  Großen  zuging,  da  war  sein  Mut  und  seine  Lebenskraft  gebrochen.
  Auf  der  Burg  Paterno  am  Soracte  lag  er  am  Fieber  krank  und  am  23.  Januar
1002  schied  er  aus  dem  Leben,  nachdem  er  noch  aus  den  Händen  des  Paystes  die  heiligen
Sterbesakramente  empfangen  hatte.  Sein  Wunsch  war  es  gewesen,  in  der  Kirche  zu
Aachen  neben  Karl  d.  Gr.  beigesetzt  zu  werden.  Unter  kriegerischer  Begleitung  und  nach
mannigfachen  Kämpfen  wurde  sein  Leichnam  nach  Deutschland  gebracht  und  in  der  Münsterkirche
  zu  Aachen  beigesetzt.

„Das  Andenken  an  einen  jungen  Kaiser  von  so  wunderbar  phantastischer  Sinnesart
und  so  unglücklichen  Schicksalen  konnte  der  Welt  nicht  so  leicht  entschwinden;  poetische
Sagen  stiegen  aus  Ottos  frühem  Grabe  auf,  und  bewahrten  länger  unter  dem  Volke
sein  Gedächtnis,  als  die  nüchterne  Kunde  der  Geschichte.

Noch  stand  der  Kaiserthron,  noch  leuchtete  sein  Glanz,  aber  er  ruhte  nicht  auf
dem  sichersten  Grunde.  Der  trügerische  Schimmer,  der  um  das  phantastische  Römerreich
  Otto  III.  spielte,  hat  die  Nachwelt  mehr  geblendet,  als  die  Zeitgenossen.  Diese
erkannten  recht  wohl,  in  wie  gefährdeter  Lage  das  Reich  war,  als  der  letzte  Sproß  vom
Mannsstamme  Otto  d.  Gr.  ein  unglückliches  Ende  fand.  Wer  auch  sein  Nachfolger  werden
sollte,  die  schwierige  Aufgabe  fiel  ihm  zu,  das  Reich  auf  dem  einmal  gelegten  Grunde
neu  zu  befestigen.  Und  fürwahr,  unter  den  ungünstigsten  Umständen  war  diese  Aufgabe
zu  lösen.  Bisher  war  die  Macht  unverkürzt  vom  Vater  auf  den  Sohn  übergegangen.
Jetzt  zum  erstenmal  seit  einem  Jahrhundert  konnten  die  Reichsfürsten,  die  im  wesentlichen
  das  Wahlrecht  des  Volkes  ausübten,  daran  denken,  dieses  Recht  zu  benutzen,  um
dem  Fürsten  ihrer  Wahl  Bedingungen  zu  stellen  und  die  meisten  von  ihnen  waren  nicht
gewillt,  sich  diese  Gunst  des  Geschicks  ohne  Gewinn  entgehen  zu  lassen.  Und  bald  zeigten
sich  überdies  mehrere  Bewerber  um  die  Krone,  mit  ihnen  die  Gefahren  innerer  Spaltung;
selbst  die  Einheit  des  Reiches  wurde  noch  einmal  in  Frage  gestellt.  Die  Ehre  des  deutschen
Volkes,  das  Heil  der  Welt  lag  auf  der  Wage!“

Peinrich  II.  (der  Heilige)  1002  —  1021.

Auf  den  nun  erledigten  Kaiserthron  machten  drei  Fürsten  Anspruch:  Heinrich  von
Bayern,  der  Enkel  von  Otto  I.  Bruder  Heinrich,  Markgraf  Eckard  von  Meißen  und
Herzog  Hermann  von  Schwaben.  Eckard,  der  tapferste  Fürst  im  Reiche,  der  unermüdliche
Hüter  des  Ostens  gegen  die  Slaven,  war  ein  gefährlicher  Gegner,  als  er  aber  auf  einer
Reise  zu  Pöhlde  im  Harz  überfallen  und  erschlagen  wurde,  wählten  die  bayrischen,
fränkischen  und  oberlothringischen  Großen  in  Mainz  Heinrich  zum  König,  und  diesem
gelang  es  durch  kluges  Unterhandeln  und  Nachgeben  die  Stimmen  des  ganzen  Reiches
auf  sich  zu  vereinigen.

In  Italien  wählte  eine  Partei  den  Pfalzgrafen  dieser  Lande,  Arduin,  Markgrafen
von  Ivrea,  zum  König  der  Lombardei.  Dreimal  zog  König  Heinrich  über  die  Alpen,
um  die  deutsche  Oberhoheit  zu  behaupten,  und  das  gelang  ihm  auch  mit  Hilfe  deutscher
Tapferkeit  und  Dank  der  Zwietracht  der  großen  Vasallen  in  Italien.  Dreizehn  Jahre