112  Die  1  ächsischen  Railer.

ganz  andere  Stellung  und  wiederum  gewann  der  Klerus  eine  weit  höhere  Bedeutung
durch  die  italienische  Politik  der  Kaiser.  Er  war  auch  jetzt  noch  der  Träger  der  Kultur
und  in  seinen  Händen  lag  die  Pflege  des  geistigen  Verkehrs  zwischen  Deutschland  und
Italien.  Aus  dem  Bunde  mit  diesem  hat  dann  auch  die  deutsche  Kultur  ihren  bedeutendsten
Gewinn  gezogen.  Standen  auch  Wissenschaft  und  Literatur  im  zehnten  Jahrhundert  auf
einer  niedrigen  Stufe,  so  wehte  doch  in  Rom  und  den  übrigen  Städten  noch  immer  ein
Hauch  antiken  Lebens,  so  weckten  doch  die  Reste  der  Kunst,  denen  die  Blicke  auf  allen
Wegen  und  Stegen  begegneten,  noch  den  Sinn  für  edle  Formen,  so  übte  doch  das
Städtewesen  mit  den  geordneten  Instituten,  mit  der  Gewerbs--  und  Handelstätigkeit,  mit
den  Resten  und  Keimen  bürgerlicher  Freiheit  einen  anregenden  Einfluß  auf  die  deutschen
Großen,  welche  die  kaiserlichen  Romfahrten  über  die  Alpen  führten,  so  erzeugten  doch
die  Bauwerke  früherer  Jahrhunderte  in  den  deutschen  Gemütern  Ahnungen  eines  reicheren
Lebens,  einer  entwickelteren  Menschheit,  so  war  doch  die  Regsamkeit  und  Gewandhtheit
der  Lombarden,  welche  durch  das  ganze  Mittelalter  hindurch  die  Meister  und  Lehrer  in
allen  Kaufmannsgeschäften,  in  allen  Geld=  und  Handelssachen  waren,  ein  anregendes
Vorbild.

Ein  schädlicher  Einfluß  Italiens  ist  freilich  von  niemanden  wegzustreiten.  Allein
die  Vorteile  für  seine  geistige  Kultur,  welche  Deutschland  gewann,  überwiegen  denselben
weit  und  es  wäre  verkehrt,  das  eine  des  andern  wegen  verdammen  zu  wollen.  Der
Verbreitung  von  Künsten  und  Wissenschaften  in  Deutschland  hat  Italien  sehr  gedient:
seinere  Sitten  und  Lebensformen  fanden  Eingang  und  alle  geistigen  Bestrebungen  erhielten
  kräftige  Förderung.  Sanken  im  fränkischen  Wahlreiche  unter  Karls  d.  Gr.  Nachfolgern
  die  von  diesem  eingerichteten  Schulen  mehr  und  mehr,  so  hob  sich  dagegen  im
Reich  der  Ottonen  Kunst  und  Wissenschaft  zu  neuer  Blüte  und  namentlich  die  älteren
Klosterschulen  nahmen  einen  erfreulichen  Aufschwung.  Cambray,  Trier,  Metz  u.  a.  O.
wurden  eifrige  Pflegestätten  der  Wissenschaft,  St.  Gallen  und  Reichenau  zeigten  einen
wunderbaren  Fleiß,  ebenso  wie  Fulda,  Hersfeld  und  Corvey.  Der  oft  angeführte
Geschichtsschreiber  Widukind  hatte  Corvey  zum  Aufenthalt,  in  den  Nonnenklöstern  zu
Gandersheim  und  Quedlinburg  entfaltete  sich  ein  reges  Leben,  von  dem  uns  namentlich
die  schon  früher  genannte  Rhoswitha  von  Gandersheim  ein  beredtes  Zeugnis  gibt.

„Jene  neulateinische  Wissenschaft  und  Literatur,  welche  die  Kirche  auf  Grundlage
der  altrömischen  Bildung  geschaffen  hatte,  und  deren  Charakter  wir  bereits  im  Zeitalter
kennen  gelernt,  ging  nun  auf  das  deutsche  Volk  über  und  mit  ihr  die  klassische  Literatur
der  Römer.  Der  kaiserliche  Hof  der  Ottonen  wurde  Sammelplatz  aller  hervorragenden
Geister  des  Abendlandes;  mochte  das  wandernde  Fürstenlager  in  Magdeburg  und
Quedlinburg,  oder  in  Frankfurt  und  Regensburg,  oder  jenseits  der  Alpen  in  Pavia  und
Rom  seine  Wohnstätten  aufschlagen,  überall  herrschte  ein  gehobenes  geistiges  Leben,  das
zunächst  die  oberen  Schichten  der  Gesellschaft  berührte,  die  Glieder  der  kaiserlichen  Familie,
die  höhere  Geistlichkeit,  die  Volkshäupter,  die  fürstlichen  und  adeligen  Geschlechter,  allmählich
  aber  auch  in  weitere  Kreise  drang.  Und  wenn  auch  die  lateinische  Sprache  in
der  Regel  das  Medium  der  Mitteilung,  das  gewöhnliche  Gewand  des  Gedankenausdrucks
bildete  und  nur  selten  heimische  Laute  in  heimische  Schrift  gekleidet  wurden,  so  drückten
doch  die  Deutschen  auch  dem,  was  sie  als  fremdes  Gut  empfingen,  das  eigentümliche
Gepräge  ihres  eigenen  Geistes  auf.“  So  haben  wir  nun  nicht  allein  Erzeugnisse  unserer
älteren  deutschen  Litteratur  wie  den  „Ruodlieb“  und  das  prächtige  „Waltharilied"“,