Die  Kultur  unter  den  söächsischen  Kaisern.  113

sondern  auch  alle  die  bekannten  Tiersagen  in  lateinischer  Sprache  überliefert  bekommen,
ja  man  glaubt  vermuten  zu  dürfen,  daß  selbst  unser  gewaltiges  Nibelungenlied  im  Auftrag
  des  Bischofs  Pilgrim  von  Passau  von  einem  Geistlichen  in  lateinischer  Sprache  aufgeschrieben
  wurde.

Zur  Zeit  der  Ottonen  war  es  namentlich  der  oben  schon  erwähnte  Gerbert,  auf
den  die  Männer  der  Wissenschaft  als  auf  ihren  Führer  sahen.  Aus  dem  Kloster
Auriliac  in  der  Auvergne  war  er  nach  Barcelona  gegangen,  um  sich  von  den  Arabern
unterrichten  zu  lassen,  war  in  Reims  eine  Zeit  lang  Vorsteher  der  Gelehrtenschulen
gewesen,  hatte  in  Deutschland  die  Freundschaft  der  Kaiserinnen  Adelheid  und  Theophano
genossen,  war  dann  als  Abt  von  Bobbio  und  als  Erzbischof  von  Ravenna  in  Italien
gewesen  und  hatte  endlich  als  Sylvester  II.  den  päpstlichen  Stuhl  bestiegen.  Seine
wissenschaftlichen  Kenntnisse,  die  sich  über  alle  damals  bekannten  Gebiete  erstreckten,  erschienen
  seinen  Zeitgenossen  so  wunderbar,  daß  sie  ihn  bald  als  einen  Zauberer  ansahen
und  nach  seinem  Tode  sagten,  er  sei  im  Bunde  mit  dem  Teufel  gestanden.  Ihm,  dessen
Charakter  freilich  nicht  über  jeden  Tadel  erhaben  ist,  stand  zur  Seite  Liudprand,  Bischof
von  Cremona,  der  unter  dem  Titel  „Antapodosis“  (Buch  der  Vergeltung),  eine  887—950
umfassende  Zeitgeschichte  schrieb  und  eine  Biographie  von  Otto  dem  Großen  lieferte.

Nach  anderer  Richtung  waren  Bernward  von  Hildesheim  und  Meinwerk  von
Paderborn  tätig,  die  in  Baukunst,  Bildhauerei  und  Malerei  bewandert,  Künste  und
Gewerbe  in  Norddeutschland  förderten.  Bernwards  und  Meinwerks  Beispiel  wirkten
anregend  auf  andere  geistliche  und  weltliche  Fürsten  und  Volkshäupter,  so  daß  das
nördliche  Deutschland  mehr  und  mehr  in  das  Kulturleben  eintrat,  das  bisher  nur  im
Süden  und  Westen  seine  Sitze  gehabt  hatte.  Bald  entfaltete  sich  im  Sachsenlande  ein
reges  Stadtleben,  wo  die  Keime  bürgerlicher  Freiheit,  die  sonst  überall  aus  der
Welt  geschwunden  war,  wieder  in  ergiebigen  Boden  gesenkt  wurden,  wo  Handel  und
Gewerbetätigkeit  ihr  befruchtendes  Füllhorn  ausgoßen,  wo  Waffenschmieden  und
Manufakturen  in  Leinwand,  Leder,  Metallen  und  anderen  Stoffen  kunstfertige  Hände  beschäftigten,
  wo  ein  geordnetes  Gemeinde=  und  Rechtsleben  zur  Ausbildung  kam.  Dem
Handel  und  Verkehr  wurden  neue  Wege  geöffnet,  seitdem  christliche  Glaubensboten,  die
durch  das  Schwert  erworbenen  Länder  im  Osten  und  Norden  für  Christentum  und
Kirche  und  für  die  Segnungen  des  Friedens  zu  gewinnen  suchten,  und  wie  sehr  auch  der
widerspenstige  Geist  der  wendischen  Küstenbewohuer  an  der  Ostsee  unter  Heinrich  II.  die
zarten  Pflanzungen  zu  ersticken  suchte,  es  war  nur  ein  vorübergehender  Winterfrost,
dessen  Wirkungen  bald  wieder  vor  den  Strahlen  einer  kräftigeren  Sonne  schwanden.
Die  Entdeckung  und  Bearbeitung  der  Silberbergwerke  des  Harzes  brachte  in  das  kaufmännische
  Treiben,  in  den  Unternehmungsgeist  und  in  die  Regsamkeit  der  Handelswelt
einen  mächtigen  Ausschwung  und  zog  fremde  Leute  aus  allen  Gegenden  herbei.  Am
Rheine  hatte  unter  dem  Schutz  und  Beistand  der  geistlichen  Fürsten  der  rege  Warenverkehr
  von  den  Rhätischen  Alpen  bis  zu  den  fleißigen  Friesen  seinen  ununterbrochenen
Fortgang.  Die  Kaufleute  von  Köln  lebten  herrlich  und  in  Freuden,  der  reiche  Handelsort
Thiel  an  der  Waal  wurde  der  Mittelpunkt  des  einträglichen  Handels  mit  England,  wo
die  deutschen  Waren  zollfrei  eingelassen  wurden;  in  Speyer,  Worms,  Mainz  wetteiferten
christliche  Kaufleute  mit  Lombarden  und  Juden,  den  gewandtesten  Geschäftsleuten,  in
allen  auf  Verkauf,  Geldwesen  und  Wechselsachen  sich  beziehenden  Dingen  in  Handelstätigkeit.

  Ueber  Chur,  Rorschach,  Konstanz  u.  s.  w.  führten  schwerbeladene  Güterwagen
Ebner,  Illustrierte  Geschichte  Deutschlands.  9