114  Die  sächsschen  Kaiser.

und  Frachtschiffe  die  italienischen  Waren  nach  den  deutschen  Märkten.  So  erblickt  man
zur  Zeit  der  Ottonen  allenthalben  eine  Fülle  treibender  Kräfte.“

Wir  haben  im  Verlaufe  unserer  Erzählung  mehrfach  Gelegenheit  gehabt,  die  beiden
hervorragendsten  Geschichtsschreiber  aus  diesem  Zeitraum  kennen  zu  lernen:  Widukind
und  Thietmar  von  Merseburg.

Der  Sachse  Widukind  im  Kloster  Corvey,  erst  mit  dem  Leben  der  Heiligen  be—
schäftigt,  legte  diese  Arbeit  bald  bei  Seite  und  schrieb  für  die  Kaiserstochter  Mathilde,
die  Aebtissin  von  Quedlinburg,  seine  „Drei  Bücher  sächsischer  Geschichte“,  die  trotz  der
Unbeholfenheit  und  Schwerfälligkeit  des  Stils  doch  durch  die  Begeisterung  für  die  Größe
seines  Stammes  und  die  Taten  seines  Herrscherhauses  einen  eigentümlichen  Reiz  erhalten.
Neben  ihm  steht  Thietmar  von  Merseburg  (976—1019),  der  Sprößling  eines  der  vornehmsten
  Geschlechter  Sachsens,  dem  es  freilich  trotz  aller  Belesenheit  doch  nicht  gelang,
einen  guten  lateinischen  Stil  zu  schreiben.  In  dem  kaiserlichen  Stift  zu  Quedlinburg
hatte  er  den  ersten  Unterricht  erhalten,  und  vollendete  dann  seine  Schulbildung  im
Kloster  Bergen  und  in  Magdeburg  selbst.  Nachdem  er  1002  Probst  des  Klosters  Walbeck
und  1009  Bischof  von  Merseburg  geworden  war,  unternahm  er  in  seinen  „Zeitbüchern
sächsischer  Kaiser“  dieses  ruhmvolle  Jahrhundert  mit  Ausschluß  der  letzten  Jahre  Heinrich  II.
zu  beschreiben.  In  den  beiden  ersten  Büchern  seiner  Chronik,  der  Geschichte  der  Könige
Konrad,  Heinrich  J.  und  Otto  I.  war  hauptsächlich  Widukind  seine  Quelle.  Das  dritte
Buch  beschäftigt  sich  mit  Otto  II.  und  in  ganz  besonders  ausführlicher  Darstellung  ist  im
vierten  Buch  Otto  III.  behandelt.  Alle  übrigen  vier  Bücher  gehören  der  Regierungszeit
Heinrich  II.  in  den  ersten  sechszehn  Jahren  an.  Das  Werk  ist  besonders  dadurch  anziehender,
  daß  es  mehr  als  irgend  ein  anderes  des  Mittelalters  den  Charakter  von  Denkwürdigkeiten
  eines  wohlunterrichteten  hochgestellten  Mannes  trägt.“

Neben  den  vielen  Klosterchroniken  aus  dieser  Zeit,  unter  denen  namentlich  St.  Gallen
zu  nennen  ist,  dürfen  noch  einzelne  hervorragende  Geschichtsschreiber,  wie  der  Mönch  Richer
von  Reims  mit  seinen  vier  Geschichtsbüchern,  der  unbekannte  Fortsetzer  der  Chronik  des
Regino  im  Kloster  Sanct  Maximin  zu  Trier  u.  a.  nicht  übersehen  werden;  ein  merkwürdiges
Bild  aber  von  der  Kultur  aus  jener  Zeit,  das  der  schon  öfters  erwähnten  Nonne
Rhoswitha  von  Gandersheim  ist  wohl  einer  etwas  näheren  Betrachtung  wert.  Gandersheim
  am  Harz,  unweit  von  Goslar  war  die  Stätte  ihrer  Wirksamkeit,  wo  sie  bis  gegen
das  Jahr  1002  lebte,  nachdem  sie  die  Erziehung  der  Aebtissin  Gerberg,  einer  Tochter
Heinrichs  von  Bayern,  erhalten  hatte.  „Sie  ergriff  mit  der  ganzen  Macht  ihres  Gemütes
die  geistige  Richtung,  von  welcher  sie  den  hochgeborenen  Nonnenconvent  bewegt  fand.
Nicht  nur  die  demütige  Entsagung  der  Freuden  dieser  Welt,  die  völlige  Hingebung
an  die  Religion,  sondern  auch  reges  Interesse  für  die  literarischen  Traditionen  des
römischen  Altertums,  Gedanken  und  Bestrebungen,  welche  durch  die  Erwerbung  der
Kaiserkrone  in  Rom  durch  Otto  d.  Gr.  in  den  geistlichen  Mitgliedern  der  Kaiserfamilie
noch  eine  höhere  praktische  Bedeutung  erhielten  und  noch  weiter  ausgestrahlt  wurden.
Daher  konnte  Rhoswitha  erzählen,  daß  sie  außer  dem  Unterricht  der  Rikardis,  die  sie
grundweise  und  grundgütig  nennt,  und  von  einigen  anderen  die  fürstliche  Aebtissin
Gerberg  zur  Lehrerin  gehabt,  die  zwar  jünger  als  sie,  aber  wie  es  einer  Kaisernichte
geziemt,  sie  an  feiner  Bildung  und  Gelehrsamkeit  weit  überragt  habe.  Gerberg  las  mit
ihr  eine  Anzahl  Autoren,  welche  sie  selber  zuvor  mit  gelehrten  Männern  gelesen.  Schon
früher  hatte  sie  ihr  Fleiß  in  dem  Büchervorrat  des  Klosters  heimisch  gemacht  und  an-