116  Die  sächsischen  Kaiser.

geregt  von  dem  Gelesenen,  ganz  ohne  äußeren  Antrieb,  versuchte  sie  selber  zu  schreiben.
So  übte  sie  sich,  und  zwar  ganz  ins  Geheime  und  verstohlen,  schreibend  und  das  Ge—
schriebene  umarbeitend,  im  Versemachen.  Denn  sie  fürchtete  bei  ihrer  Jugend  und
mangelhaften  Bildung  anderer  Urteil.  Allmählich  fühlte  sie  sich  sicherer  und  ihr  Talent,
das  sie  selber  anerkennt,  und  ihre  in  jener  Zeit  seltene  Belesenheit  und  Sprachgewandt—
heit,  verschafften  ihr  die  Aufmunterung  und  den  Zuspruch  ihrer  erlauchten  Lehrerinnen.
Nachdem  sie  sechs  biblische  Komödien  in  gutem  Lateinisch  geschrieben,  um  den  in  allen
Klöstern  trotz  seines  ärgerlichen  Inhalts  gelesenen  Terenz  zu  verdrängen,  kam  sie  965
einem  Auftrag  Otto  II.  nach,  die  Taten  seines  Vaters  Otto  I.  zu  beschreiben.  Ohne
Hilfe  von  Büchern,  auf  mündliche  Ueberlieferung  beschränkt,  nahm  sie  die  Arbeit  vor,
und  wenngleich  der  geschichtliche  Wert  des  Gedichtes  von  untergeordneter  Bedeutung  ist,
so  enthält  es  doch  manche  wichtige  Nachricht,  und  ist  namentlich  für  die  Flucht  der
Königin  Adelheid  die  einzige  Kunde.  Bald  nach  Erledigung  dieses  Auftrages  begann  die
gelehrte  Nonne  ihr  Gedicht  von  der  Gründung  ihres  Klosters,  das  bis  zum  Jahre  919
reicht.  Lange  Zeit  war  Rhoswitha  mit  all  ihren  Dramen  und  Gedichten  verschollen,  bis
endlich  im  Jahre  1501  Conrad  Celtis  die  einzige  von  ihr  erhaltene  Handschrift  in  der
Klosterbibliothek  zu  St.  Emmeran  in  Regensburg  auffand  und  herausgab.  Die  „germanische
  Muse“  fand  überall  in  Deutschland,  wie  in  Frankreich,  Italien  und  England
begeisterte  Aufnahme  und  man  hat  ihr  auch  heute  noch  alle  Aufmerksamkeit  zu  schenken
für  nötig  befunden.