124  Die  fränkischen  oder  salischen  Kaiser.

Am  19.  April  1054  starb  Papst  Leo  IX.  Sterbend  soll  er  die  Sorge  für  die  Kirche
dem  als  päpstlicher  Legat  in  Frankreich  verweilenden  Hildebrand,  der  einst  Gregor  VI.
in  seine  freiwillige  Verbannung  nach  Deutschland  begleitet  hatte,  ans  Herz  gelegt  haben.
Hildebrand  scheint  in  der  Tat  auch  lange  geschwankt  zu  haben,  ob  er  nicht  auf  sich  die
Papstwahl  lenken  sollte,  allein  bald  schlug  er  felbst  den  Bischof  Gebhard  von  Eichstädt
vor,  und  dieser  bestieg  nun  als  Viktor  II.  wenn  auch  nach  langem  Bedenken  erst  den
päpstlichen  Stuhl.  Gebhard  war  in  den  geistigen  und  weltlichen  Geschäften  ungemein
erfahren.  Dem  Kaiser  von  ganzer  Seele  zugetan,  war  er  doch  nicht  der  Mann,  irgend
etwas  seiner  persönlichen  oder  kirchlichen  Stellung  zu  vergeben.  Man  kannte  ihn  als
einen  politischen  Kopf,  der  mit  dem  klarsten  Geiste  die  verwickelsten  Verhältnisse  beherrschte,
und  noch  stand  er  in  den  ersten  Mannesjahren,  Raschheit  des  Entschlusses  mit  reifer
Einsicht  verbindend.  Aber  dennoch  hatte  es  Hildebrand  Mühe  gekostet,  ihn  zur  Annahme
der  Wahl  zu  bewegen.  Erst  auf  einem  Fürstentag  zu  Regensburg  1055  hatte  sich  Gebhard
entschlossen,  und  machte  dies  mit  den  Worten  bekannt:  „Wohlan  so  ergebe  ich  mich  dem
heiligen  Petrus  ganz  und  gar  mit  Leib  und  Seele,  obschon  ich  meine  Unwürdigkeit  zu
einer  solch  hohen  Stellung  erkenne,  unterwerfe  ich  mich  Eurem  Gebote.  Aber  nur  unter
der  Bedingung,  daß  Ihr  dem  heiligen  Petrus  zurückgebet,  was  ihm  gehört.“

So  zog  Gebhard  mit  der  Gesandtschaft  nach  Rom,  wo  er  in  der  Peterskirche
geweiht  wurde.  Heinrich  selbst  folgte  ihm  bald  nach  Italien.  Dort  nahm  sein  alter
Feind  Gottfried  eine  Stellung  ein,  die  bei  dem  Kaiser  Besorgnis  erregen  mußte;  allein
er  entwich  bei  dem  Erscheinen  Heinrichs  zu  Balduin  von  Flandern,  und  seine  Gemahlin
Beatrice,  die  geglaubt  hatte,  durch  ihr  persönliches  Erscheinen  Heinrich  zur  Milde  zu  bestimmen,
  mußte  mit  ihrer  Tochter  in  dessen  Gefolge  bleiben.  Allein  bald  riefen  beunruhigende
  Nachrichten  den  Kaiser  wieder  nach  Deutschland  zurück.  Dort  hatte  sich,
mit  Heinrichs  eigenem  Oheim,  dem  Bischof  Gebhard  von  Regensburg  an  der  Spitze  eine
Verschwörung  gebildet,  die  nichts  anderes  als  die  Ermordung  des  Kaisers  und  die  Herstellung
  der  Stammesfürstentümer  plante.  Dieses  Vorhaben  scheiterte  freilich,  und  Heinrich
schritt  nun  energisch  gegen  den  Anstifter  derselben  ein,  indem  er  Gebhard  mit  strenger
Haft,  und  die  übrigen  Teilnehmer  an  Freiheit  und  Gut  strafte.

Allein  trotzdem  sollten  ihm  die  nächsten  Jahre  noch  Unruhen  mancherlei  Art  bringen.
Seine  treuesten  Anhänger  starben,  einer  nach  dem  andern,  in  den  Ostmarken  erneuerten
die  Liutizen  ihre  verheerenden  Einfälle  und  im  Westen  lagen  des  Kaisers  alte  Feinde
Gottfried  und  Balduin  im  Streit  mit  Friedrich  dem  Herzog  von  Niederlothringen.  Auf
einem  Reichstag  in  Zürich  traf  der  Kaiser  Vorkehrungen  zur  Sicherstellung  Italiens,
indem  er  seinen  Sohn  mit  Bertha  von  Susa  verlobte,  er  entließ  seinen  Oheim  Gebhard
aus  der  Gefangenschaft  und  versöhnte  sich  mit  Gottfried,  dessen  Gattin  Beatrice  er  aus
der  Haft  entließ.  Seine  zweite  Tochter  Judith,  sollte  mit  Salomo,  dem  Sohne  des
Königs  Andreas  von  Ungarn  verlobt  werden,  und  Papst  Viktor  wurde  nach  Goslar  berufen,
  um  alle  Pläne  des  Kaisers  zu  vernehmen.  Allein  dort  traf  den  Kaiser  die  Nachricht,
  daß  die  beiden  sächsischen  Grafen,  die  er  gegen  die  Liutizen  gesandt,  im  Kampfe
gefallen  seien.  Das  warf  ihn  auf  das  Krankenlager  und  am  5.  Oktober  1056  starb  er
in  der  Burg  Bodfeld  auf  den  Höhen  des  Harzes.  Dem  Papste  und  den  anwesenden
Fürsten  hatte  er  seinen  Sohn  Heinrich  IV.  und  seine  Gemahlin  Agnes  empfohlen  und
schied  erst  39  Jahre  alt,  versöhnt  mit  der  Welt  aus  dem  Leben.