Heinrich  IV.  12

I

für  ihre  durch  des  Erzbischofs  Haß  bedrohten  Rechte  und  Freiheiten,  mit  den  vornehmsten
der  übrigen  Reichsfürsten  zum  Sturze  Adalberts  verbündeten.  Sie  forderten  von  dem
jungen  König  mit  solch  drohender  Entschiedenheit  die  Absetzung  desselben,  daß  Heinrich
an  eine  solche  Sprache  nicht  gewöhnt,  sich  zur  Nachgiebigkeit  gezwungen  sah,  und  Adalbert
von  seinem  Hofe  entfernte.

Nach  dem  Sturze  Adalberts  ging  die  Reichsregierung  wieder  in  die  Hände  Annos
über,  allein  es  gelang  diesem  nicht,  den  König  auf  bessere  Wege  zurückzuführen.  Heinrich
tat  auch  jetzt  seinen  Begierden  und  Leidenschaften  keinen  Zügel  an.  Seine  Gemahlin
Bertha,  die  ebenso  schöne  als  geistvolle  und  tugendhafte  Tochter  des  Markgrafen  Otto
von  Turin,  behandelte  er  in  der  rohesten  Weise,  auf  einem  Fürstentag  in  Frankfurt
suchte  er  sogar  seine  Scheidung  von  ihr  durchzusetzen,  und  nur  der  energische  Widerspruch
der  päpstlichen  Legaten  zwang  ihn  von  seinem  Vorhaben  abzustehen.

Bald  war  auch  Adalbert  wieder  an  Heilnrichs  Hof  zurückgekehrt,  und  da,  wie  begreiflich,
sein  Haß  gegen  die  Sachsen  durch  deren  Vorgehen  gegen  ihn  aufs  Höchste  gestiegen  war,
reizte  er  den  Kaiser  mehr  denn  je  zu  Härte  und  Gewalttätigkeiten  gegen  dieselben.  Der
tapfere,  allgemein  geachtete  Otto  von  Nordheim,  ein  Verwandter  des  sächsischen  Herzogshauses,
  den  die  Kaiserin  Agnes  mit  dem  Herzogtum  Bayern  belehnt  hatte,  wurde  auf
eine  gegen  ihn  erhobene  Anklage  hin,  daß  er  die  Ermordung  Heinrichs  geplant  habe,
ungehört  durch  ein  aus  seinen  Gegnern  zusammengesetztes  Fürstengericht  geächtet,  und
das  Herzogtum  Bayern  seinem  Schwiegersohn  Welf,  dem  Sohne  Azzo's  von  Este  verliehen,
  der  hierauf  seine  Gemahlin  ihrem  Vater  zuschickte.  Schwergekränkt  ergriff  Otto
die  Waffen  im  Vereine  mit  seinem  Freunde  Magnus,  dem  Sohne  des  Herzogs  Ordulf
von  Sachsen,  doch  mußten  sich  beide  bald  dem  Kaiser  ergeben  und  blieben  in  Gefangenschaft.

Im  Dezember  1072  zog  sich  Anno,  die  Lasten  des  Alters  vorschützend,  von  der
Reichsregierung  zurück,  und  nun  stand  Heinrich  allein  an  der  Spitze  der  Regierung,  unersahren
  in  der  schweren  Kunst  der  Herrschaft  über  andere  und  über  sich  selbst.  Am
schlimmsten  verfuhr  er  gegen  die  Sachsen,  die  ihm  seit  Ottos  Auflehnung  verhaßter
waren  denn  je.  Von  seinen  Festen  aus  durchstreiften  seine  Mannen  das  Land,  trieben
die  Herden  hinweg,  erpreßten  schwere  Abgaben,  und  zwangen  die  freien  Männer  zu  den
niedrigsten  Frohndiensten  bei  dem  Bau  der  kaiserlichen  Zwingburgen.

In  den  Kriegsrüstungen,  welche  der  Kaiser  damals  zu  einem  Zuge  gegen  Polen
traf,  glaubte  man  die  ersten  Rüstungen  zur  Unterwerfung  der  Sachsen  erkennen  zu
sollen.  Unter  dem  Vorwand,  Heinrich  Folge  zu  leisten,  sammelten  die  Fürsten  und
Bischöfe  Kriegsscharen  um  sich.  Allein  sie  warteten  in  Goslar  vergebens  auf  die  Ankunft
des  Kaisers,  der  wahrscheinlich  von  dem  Komplott  erfahren  hatte,  und,  wie  spät  abends
ein  Bote  meldete,  nach  der  Harzburg  geritten  war.  Darin  erblickten  die  Fürsten  eine
beleidigende  Demütigung,  und  beschlossen  nun,  dem  Kaiser  in  offener  Empörung  gegenüberzutreten.
  An  der  Spitze  stand  Otto  von  Nordheim  und  auf  einer  großen  Volksversammlung,
  wahrscheinlich  zu  Warnsleben,  entflammte  er  in  gewaltiger  Rede  die
Gemüter.  Als  nun  zudem  noch  zwei  Brüder  mit  schweren  Anklagen  gegen  den  Kaiser
auftraten,  hatten  die  Häupter  der  Verschwörung  bald  ihren  Zweck  erreicht.  Rasch  war
ganz  Sachsen  und  Thüringen  in  Aufruhr  gebracht,  gegen  60  000  Streiter  sollen  die
Empörer  um  sich  gehabt  haben.  Auf  der  Harzburg  hatte  Heinrich  die  Kunde  von  dem
Aufstand  erhalten,  und  bald  war  eine  Gesandtschaft  vor  ihm  mit  der  Forderung  erschienen,
ihnen  den  Zug  gegen  Polen  zu  erlassen,  die  Burgen  zu  räumen,  seine  Günstlinge  zu  ent-