Das  geistige  Teben  unter  den  fränkischen  und  hohenstaufsischen  Kaisern.  163

verleugnung  alle  Kräfte  sich  dem  allgemeinen  Besten  zu  widmen.  Da  gerieten  die  geistlichen
Kurfürsten  auf  den  merkwürdigen  Gedanken  einen  Ausländer  zum  Kaiser  zu  machen;
dabei  waren  sie  noch  überdies  nicht  einig.  Die  eine  Partei  erwählte  den  englischen
Grafen  Richard  von  Cornvallis,  die  andere  den  König  Alfons  von  Castilien,  den  man
wohl  wegen  seiner  astronomischen  Kenntnisse  den  Weisen  nannte,  der  aber  nicht  einmal
sein  eigenes  Land  zu  regieren  verstand.  Beide  hatten  den  Reichsfürsten  viel  Geld  geboten.
Richard  war  mehreremale  in  Deutschland,  konnte  sich  aber  nur  durch  Geld  und  durch
reichlich  ausgeteilte  Privilegien  einen  Anhang  verschaffen.  Besonders  begünstigte  er  die
wetterauschen  Reichsstädte  Frankfurt,  Friedberg,  Gelnhausen  und  Wetzlar.  Alfons  kam
gar  nicht  nach  Deutschland.  —  Für  Deutschland  war  die  Regierung  Richards  aus  verschiedenen
  Gründen  eine  jammervolle  Zeit.  In  Schwaben  erhoben  sich  die  Grasen  von
Württemberg,  überall  schalteten  und  walteten  die  Herren  und  Ritter  nach  Willkür,
besonders  gegen  die  Städte,  die  zwar  nicht  eigentlich  frei,  aber  doch  größtenteils  kaiserlich
und  also  von  den  Reichsfürsten  unabhängig  waren.  Und  in  Thüringen,  in  der  Wetterau,
an  der  Lahn,  am  Rhein,  in  Schwaben,  und  in  den  burgundischen  Landen  gab  es  eine
ebenso  große  Menge  von  Bürgern,  als  in  Italien.  Das  Reich  schien  in  sich  selbst  zu
zerfallen  und  von  Osten  her  drohte  noch  dazu  König  Ottokar  II.  von  Böhmen,  slavische
Herrschaft  über  einen  Teil  derselben  zu  bringen;  denn  er  hatte  nicht  nur  in  Mähren,
Oesterreich  und  Steiermark  mit  seinen  Reichsverbänden,  sondern  sogar  auch  in  Bayern
schon  festen  Fuß  gefaßt,  und  plünderte  dieses  Land  in  regelmäßigen  Zügen  aus.

Das  geistige  Leben  unter  den  fränkischen  und  hohenitaufischen  Kalsern.

Unter  den  fränkischen  Königen  hatte  das  deutsche  Reich  seine  größte  Ausdehnung.
Es  war  das  Reich  der  Mitte,  das  allen  angrenzenden  Ländern  als  Halt  diente,  an  das
alle  Nachbarvölker  sich  freiwillig  oder  gezwungen  anlehnten,  welches  das  gebietende
Wort  in  der  abendländischen  Christenheit  führte.  Im  Norden  bildete  die  Eider  die
Grenzmarke  gegen  die  Dänen,  die,  seitdem  das  Christentum  Eingang  bei  ihnen  gefunden,
und  eine  dänische  Fürstentochter  die  Gattin  des  dritten  Heinrich  geworden,  mit  dem
Reiche  und  dem  fränkischen  Herrscherhause  stets  in  friedlichen  und  freundlichen  Beziehungen
standen.  Die  Landschaften  nordwärts  und  ostwärts  der  Niederelbe  wurden  von  Grafen
verwaltet,  welche  die  Herzöge  von  Sachsen  als  ihre  Lehnsherren  ehrten.  Die  slavischwendische
  Welt,  die  in  verschiedene  Stämme  und  Völkerschaften  gespalten,  in  den  weiten
Gebieren  der  oberen  und  mittleren  Elbe,  der  Mulde  und  Saale,  der  Spree  und  Havel
seßhaft  war,  verharrte  zwar  noch  im  Widerstand  gegen  die  christlichen  Ordnungen  des
Reiches,  und  gegen  die  „Wirtschaft  nach  deutschem  Recht,“  die  sie  als  die  Unterdrückung
ihrer  Nationalität  verfluchte,  und  fand  unter  den  bürgerlichen  Kämpfen,  welche  die
Regierungsjahre  des  vierten  und  fünften  Heinrich  verwirrten,  Gelegenheit,  manche
verlorenen  Territorien  wieder  zu  gewinnen,  und  ihre  Unabhängigkeit  und  ihr  angestammtes
Wesen  mit  dem  Schwerte  gegen  die  durch  ihre  Härte  und  Habsucht  verhaßten  Billunger
zu  behaupten;  doch  bildeten  die  Markgrafschaften  von  Meißen  und  von  der  Niederlausitz
und  die  Nordmark  vorgeschobene  Posten,  um  welche  sich  deutsche  Kriegsmänner  sammelten,
an  welche  deutsche  Mönche  und  Kaufleute  eine  Stütze  fanden,  wo  der  deutsche  Name

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