Das  geistige  keben  unter  den  fränkischen  und  hohenstanfischen  RKaisern.  167

Vorschriften  für  Lehrer  waren  genug  vorhanden,  von  der  Schulzucht  selbst  wissen  wir,
daß  sie  ziemlich  strenge  gehandhabt  wurde,  in  Schwaben  durfte  der  Lehrer  den  Schüler
Rutenstreiche,  freilich  nicht  mehr  als  zwölf  hintereinander  geben,  kam  der  Schüler  mit
blutiger  Nase  nach  Hause,  so  durften  die  Eltern  hierüber  keine  Klage  erheben;  niemand
sollte  wegen  seiner  Armut  aus  der  Schule  gewiesen  werden.  Allein  es  durfte  auch  kein
Lehrer  einen  Schüler,  der  aus  einer  anderen  Schule  weggejagt  worden  war,  in  seiner
Schule  aufnehmen.  Dem  Schüler  sollte  es  freilich  freistehen,  freiwillig  einen  anderen
Lehrer  zu  besuchen,  wenn  ihm  sein  bisheriger  etwa  körperlichen  Schaden  zugefügt  haben
sollte.  Es  waren  naturgemäß  nur  Knaben,  welche  die  Schule  besuchten,  doch  finden
wir  auch  in  dieser  Zeit  schon  gelehrte  Frauen,  welche  selbst  Latein  sprachen  und  schrieben,
ja  sogar  Mädchenschulen  errichteten.

Noch  immer  hatte  man  in  Deutschland  keine  Hochschulen,  die  Theologen  gingen
nach  Paris,  die  Juristen  nach  Bologna,  um  dort  zu  studieren  und  diese  Universitäten
hatten  sich  des  besonderen  Wohlwollens  der  Kaiser  und  Päpste  zu  erfreuen.

In  der  Architektur  und  bildenden  Kunst  war  es  Frankreich,  das  tonangebend
dastand.  Aber  gleich  wie  Wolfram  von  Eschenbach  dem  fremden  Stoff  einen  tieferen
bedeutsameren  Gehalt  verlieh,  so  kam  auch  die  christliche  Kunst  erst  in  Deutschland  zu
ihrem  vollen  idealen  Ausdruck.  Mehr  und  mehr  ging  auch  die  Architektur  und  Bildnerei
in  weltliche  Hände  über.  Doch  konnte,  da  alle  Kunstschöpfung  zunächst  im  Dienste
der  Religion  stand  und  in  dem  Bann  der  Gotteshäuser  ihren  Mittelpunkt  hatte,  eine
so  scharfe  Scheidung  des  Geistlichen  und  Weltlichen  nicht  eintreten,  als  in  den  Gebilden
der  Phantasie.  Es  trat  in  der  Baukunst  wie  in  der  Poesie  die  eigentümliche  Erscheinung
hervor,  daß  sich  Rom  und  Italien  von  der  übrigen  Christenwelt  geschieden  hielten,  daß
der  vollendetste  Baustil,  der  im  dreizehnten  Jahrhundert  in  Frankreich,  England,
Deutschland  und  anderwärts  zur  Entfaltung  kam,  von  der  apenninischen  Halbinsel  fernblieb,
  daß  sogar  in  der  Folge  der  italienische  Eigendünkel  dieses  aus  dem  Geist  der
germanischen  Nation  geschaffene  architektonische  System  mit  dem  Namen  „gotisch“  belegte
und  dadurch  als  barbarisch  bezeichnen  wollte.  Aber  was  zur  Schmach  erfunden  war,
hat  sich  als  Ehrenname  erhalten.  Im  deutschen  Bewußtsein  rief  der  Name  „Goten“
ganz  andere  Eindrücke  hervor  als  bei  den  Römern  und  Ztalienern.  Indem  die  gotische
Architektur  ein  neues  Harmoniegesetz  schuf,  kraft  dessen  sie  Kraft  und  Last  mehr  ausgleichend
  und  verteilend,  den  schweren  Kuppelbau  aufgab,  den  ernsten  und  gedrückten
Rundbogenstil  mit  dem  leicht  und  schlank  emporstrebenden  Spitzbogen  vertauschte,  an
die  Stelle  der  breiten  Felder  der  qundratischen  Kreuzgewölbe  ein  mehr  gegliedertes  freimachendes
  System  setzte,  welches  die  Möglichkeit  bot,  die  Ueberwölbung  verschiedener
Spannungen  zu  gleicher  Scheitelhöhe  zu  führen,  und  dann  das  Ganze  mit  einer  reich
dekorativen  Symbolik  versah,  und  hoch  in  die  Lüfte  aufsteigende  Türme  mit  Glockenstühlen
  anbrachte,  führte  sie  den  Kirchenbau  seiner  höchsten  Vollendung  und  Schönheit
entgegen,  wie  sie  besonders  in  dem  Kölner  Dom  und  Ulmer  Münster  hervortreten.  In
der  Gotik  errang  die  Architektur  zuerst  einen  neuen,  kühnen  und  genialen  Organismus,
in  dessen  wundergleichem  Gefüge  die  subtilste  Berechnung  ihren  Triumph  feiert,  während
zugleich  der  lebendige  Eindruck  des  Ganzen,  das  freie  Aufstreben,  die  feine  Gliederung,
die  in  unzähligen  graziösen  Formen  aufblühend  sich  entfaltet,  dem  erregten  Drang  des
Gemüts  den  machtvoll  poetischen  Ausdruck  gewährt.

Neben  der  Architektur  erfuhren  nun  auch  die  Skulptur  und  die  Plastik  eine  ganz