Das  geistige  leben  unler  den  fränkischen  und  hhenstaufischen  Raisetn.  169

und  ausbildeten,  und  die  größten  Dichter  ihr  künstlerisches  Talent  an  fremdländische
Rittersagen  verschwendeten,  wurde  auch  im  stillen  von  unbekannten  aber  kunstgeübten
Händen  das  altnationale  Epos  von  den  Nibelungen  und  von  der  Gudrun  in  neue
Formen  gegossen,  und  als  stolze  Schöpfung  des  germanischen  Geistes  der  Nachwelt  überliefert.
  Mittlerweile  war  das  Christentum  von  seiner  idealen  Höhe  herabgestiegen,
andere  Interessen  und  Geistesrichtungen  hatten  in  den  Gemütern  Wurzel  geschlagen.
Da  lenkten  die  Laiendichter  wieder  mehr  und  mehr  in  die  alten  Bahnen  der  geistlichen
ein,  indem  sie  die  Lehrdichtung  anbahnten,  oder  aus  der  christlich-religiösen  Sagenwelt
in  der  Geschichte  ihre  Stoffe  nahmen.“

Neben  den  Legenden  haben  wir  schon  das  Rolandslied  und  das  Alexanderlied  erwähnt.
  Letzteres  war  das  letzte  Denkmal  geistlicher  Poesie,  und  als  Vertreter  von  ihr
zu  der  weltlichen  Poesie  haben  wir  Heinrich  von  Veldecke  mit  seiner  „Eneit“  anzusehen.
Neben  ihm  stand  „Herbart  von  Fritzlar“  mit  seinem  „Lied  von  Troja“  und  um  sie
scharte  sich  dann  eine  Anzahl  von  Volksbüchern,  wie  dasjenige  vom  „Herzog  Ernst“,
von  „König  Rother“,  „Graf  Rudolf"“,  „König  Orendel“,  „König  Oswald“"“,  „Salomon
und  Morolf“,  welche  alle  durch  das  in  ihnen  zu  Tag  tretende  romantische  Element  ihre
Verbindung  mit  den  Kreuzzügen  zeigen.

Nun  erst  trat  auch  die  Minnepoesie  in  ihre  Rechte,  und  als  den  Vertreter  ihrer
edelsten  Richtung  hat  man  von  jeher  Walther  von  der  Vogelweide  genannt.  Alle  die
Männer,  die  sich  um  ihn  scharen,  wie  ein  „Tannhäuser“  und  „Nithart“,  neben  manchem
andern,  vermögen  doch  nicht  im  Eniferntesten  ihn  an  Fülle  und  Reinheit  der  Gedanken,
an  schöner  und  wohlklingender  Sprache,  sowie  an  Tiefe  der  Empfindung  zu  erreichen,
geschweige  denn  zu  übertreffen,  und  es  ist  sicherlich  kein  zu  gewagter  Vergleich,  wenn
man  ihn  als  Lyriker  direkt  neben  Goethe  stellt.

Walther  von  der  Vogelweide  war  freilich  nicht  allein  Minnedichter;  seine  Gnomen,
seine  politischen  Lieder  namentlich  auch  zeugen  von  einer  Lebenserfahrung  und  einer
Weite  des  Blicks,  wie  wir  sie  im  Mittelalter  nicht  sogleich  wieder  finden.  Man  hat
von  modernem  Standpunkt  aus  ihm  so  oft  die  Wankelmütigkeit  seiner  politischen  Ueberzeugung
  vorgeworfen;  einen  Mann,  der  erst  auf  Seiten  Philipps  von  Schwaben  gestanden,
  und  dann  zu  dessen  Gegner  Otto  übergegangen  sei,  könne  man  doch  nicht  als
politischen  Charakter  ehren.  Es  fehlt  uns  dafür,  wie  wir  wohl  mit  W.  Scherer  sagen
dürfen,  aus  der  Ferne  der  sittliche  Maßstab,  und  wir  schließen  uns  in  unserem  Urteil
diesem  neben  Uhland  berufensten  Beurteiler  desselben  vollständig  an:  „Walther  tritt  so
einfach  auf,  wie  die  mittelhochdeutschen  Volksepen,  keinen  Schmuck  verwendet  er,  als
was  die  Natur  an  allen  Orten  bietet,  bunte  Blätter  und  grüne  Zweige,  was  nie  veraltet.
Und  das  Beste,  was  er  darstellt,  ist  er  selbst,  ein  Mensch,  wie  man  ihn  zum  Freunde
wünscht,  so  hell  in  seinem  ganzen  Wesen,  so  mild,  so  ernst  und  fest  in  seinem  Innern
bei  leichter,  liebenswürdiger  Form;  fröhlich  mit  den  Fröhlichen,  traurig  mit  den  Traurigen,
von  Kindheit  an  geneigt  zu  hoffen,  und  unverzagt  in  hohem  Streben,  frisch  und  heiter
selbst  in  der  Not,  dankbar  im  Glück,  nur  verdüstert  im  Alter,  dies  aber  mit  Recht;  denn
des  Minnesängers  Frühling  war  dahin,  Walther  spürte  den  Herbst.“  Namen  wie
Reinmar  von  Zweter,  Ulrich  von  Lichtenstein,  Hadlaub,  Heinrich  von  Meißen,  genannt
Frauenlob,  Barthol.  Regenbogen,  sind  uns  ein  Beweis,  wie  einzig  Walther  von  der
Vogelweide  in  der  mittelalterlichen  Minnepvesie  dasteht,  denn  Männer,  wie  Hartmann
von  der  Aue,  Gottfeied  von  Straßburg  und  Wolfram  von  Eschenbach  sind  in  ihrer