170  Die  hohen  Kansen  in  Dentschland.

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epischen  Eigenart  wohl  Zeitgenossen,  aber  nicht  auch  Dichtgenossen  Walthers.  Der
Ruhm  Hartmanns  von  der  Aue  beruht  hauptsächlich  auf  seinem  Büchlein  „Vom  armen
Heinrich“,  neben  demselben  gingen  dann  noch  sein  „Erec“,  sein  „Iwein“  und  namentlich
auch  seine  Geschichte  von  dem  mittelalterlichen  Oedipus  „Gregor  vom  Stein“  her.  Weit
über  ihm  steht  der  Dichter  des  „Parzival“,  Wolfram  von  Eschenbach,  neben  Walther
von  der  Vogelweide  der  tiefsinnigste  Dichter  des  Mittelalters.  Aus  seinen  übrigen
Dichtungen,  dem  Bruchstücke  „Wilhelm  von  Oranse“,  „Schionatulander“  und  „Titurel“
ragt  der  eben  genannte  Parzival  weit  hervor.  Er  hat  den  Stoff  dazu  aus  dem  Sagenkreise
  der  Tafelrunde  und  des  Gral  genommen  und  sich  dadurch,  daß  er  sich  in  seinen
Stoff  mit  hohem  sittlichen  Ernst  vertiefte,  daß  er  die  Frage  vom  Werte  des  Menschendaseins
  in  den  Kreis  seiner  Betrachtungen  zog,  in  direkten  Gegensatz  zu  seinem  Zeitgenossen,
  Gottfried  von  Straßburg,  gestellt,  der  mit  seinem  „Tristan  und  Isolde“  ein
Evangelium  des  Genusses  und  der  heiteren  sinnlichen  Liebe  predigte,  wie  es  packender
und  glänzender  nicht  unser  modernster  Dichter  zu  verkündigen  weiß.  Gottfried  war  ein
bürgerlicher  Dichter,  ein  Mann,  dem  Wolframs  mnustisch-dunkles  Wesen  reichlich  Gelegenheit
  zu  Spott  und  Witz  gab,  den  er  wie  seine  ritterlichen  Kollegen  an  wissenschaftlicher
Bildung  weit  übertraf.

Die  gewaltigsten  Produkte  aus  der  Zeit  der  Hohenstaufen  sind  die  beiden  deutschen
Volksepen,  das  Nibelungenlied  und  das  Gudrunlied.  Es  kann  nur  für  den  Literahistoriker
  von  Beruf  auch  von  Interesse  sein,  tiefsinnige  Untersuchungen  darüber  anzustellen,
  ob  diese  beiden  Epen  je  von  einem  oder  mehreren  Verfassern  herrühren.  Es
sind  die  verschiedenartigsten  Vermutungen  und  Behauptungen  aufgestellt  worden,  man
bezeichnete  bald  den  oder  jenen  mittelalterlichen  Dichter  als  den  einzigen  Urheber,  bald
wollte  man  von  einem  Bunde  wissen,  aus  dem  diese  Lieder  hervorgegangen  seien.  Man
hat  ebenso  wie  über  die  Frage  Homers  vieles  geschrieben,  und  ist  doch,  wenn  man  ein
scharfes  Resultat  aus  allem  bisher  Geleisteten  zieht,  noch  zu  keinem  festen  Schluß  gekommen.
  Und  es  hat  tatsächlich  auch  für  den,  der  sich  einem  reinen  Genuß  an  diesen
gewaltigen  Erzeugnissen  des  deutschen  Dichtergeistes  hingeben  will,  gar  wenig  Interesse,
von  wem  dieselben  kommen.  Der  Gedanke  freilich,  daß  an  ihnen  das  ganze  Volk  in
fröhlichem,  sangesfreudigem  Schaffen,  in  Erinnerung  an  eine  Heroenzeit,  eine  Periode  des
Uebergangs  vom  Heidentum  zum  Christentum,  teilnahm,  ist  uns  freilich  weit  sympathischer,
und  man  hat  sich  im  großen  gebildeten  Publikum  auch  lange  daran  gewöhnt,  diese  beiden
Epen  als  „Volksepen“  im  wahren  Sinne  des  Wortes  aufzufassen.  Echt  deutsch  ist  in
beiden  Liedern  der  Grundzug  der  Treue;  gewaltig  heben  sich  vor  uns  im  Dämmerlicht
der  Sage  die  Gestalten  einer  Kriemhild,  die  dem  ermordeten  Gatten  treu  blieb  bis  in
den  Tod,  einer  Gudrun,  welche  nicht  die  grausamste  Behandlung  zur  Untreue  zu  verleiten
  wußte,  gewaltig  auch  ist  die  Erscheinung  eines  Hagen,  der  sich  nicht  scheut,  durch
einen  Meuchelmord  die  Treue  gegen  seine  Königin  zu  bezeugen;  in  Haß  und  Liebe,  in
Streit  und  Frieden  schlägt  uns  hier  das  Herz  des  Volkes  entgegen,  und  dadurch  gerade
erhalten  alle  diese  Gestalten  eine  Großartigkeit  und  eine  Gewalt,  wie  sie  kein  anderes
Volk  in  einem  seiner  Epen  aufzuweisen  hat.  Es  ist  eines  der  schönsten  Zeugnisse  für  die
Höhe  der  Kultur  jener  Zeit,  daß  in  ihr  diese  Lieder  entstanden;  sie  zeigen  eine  sittliche
Höhe,  wie  wir  sie  in  der  Geschichte  des  deutschen  Volkes  nicht  sogleich  wieder  finden
werden.

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