Adolf  von  Nassan.  177

Tochter  Kaiser  Friedrichs  II.,  und  mißhandelte  sie  so  schändlich,  daß  sie  sogar,  um  einem
gewaltsamen  Tode  zu  entgehen,  insgeheim  flüchten  mußte.  Sie  biß  damals  in  krampfhaftem
  Schmerze  des  Abschieds  ihrem  Sohn  Friedrich,  welcher  davon  den  Beinamen
„mit  der  gebissenen  Wange“  erhielt,  in  die  Wange  und  rettete  sich  nach  Frankfurt,  wo
sie  bald  nachher  vor  Gram  starb.  Albrecht  vermählte  sich  hierauf  mit  einem  ihrer  Hoffräulein
  und  wollte  jetzt  auch  seine  Söhne  erster  Ehe  verstoßen;  dadurch  entstand  ein
blutiger  Krieg  zwischen  Söhnen  und  Vater.  Die  Ritterschaft  von  Thüringen  teilte  sich
in  diesem  Kampfe  ebenfalls  und  nun  waren  Mord,  Raub  und  Brand  an  der  Tagesordnung.
  Bürger  und  Bauern  schienen  nur  zu  leben,  um  zu  arbeiten  und  geplündert  zu
werden.  Thüringen  war  zugleich  als  eine  einzige  Räuberhöhle  und  als  ein  großes
Schlachtfeld  anzusehen.  Rudolf  stiftete  1287  zu  Erfurt  Friede.  Aber  der  Krieg  brach
von  neuem  aus  und  das  Uebel  wurde  ärger  als  vorher.  Albrecht  geriet  in  die  Gefangenschaft
  seines  Sohnes  Friedrich,  der  ihn  erst  nach  einem  Jahr  wieder  frei  ließ,  und  seit
der  Zeit  überstieg  der  Unfug  alle  Grenzen.  Rudolf  ging  noch  einmal  nach  Thüringen
und  bestrafte  die  ritterlichen  Räuber  mit  unerbittlicher  Strenge.  Während  seine  Reisigen
im  Lande  umherzogen  und  66  Raubschlösser  zerstörten,  saß  er  in  Erfurt  über  die  von
ihnen  eingefangenen  adeligen  Räuber  zu  Gericht.  Er  verfuhr  mit  ihnen  ganz  nach  gemeinem
  Recht,  ließ  sie  enthaupten  und  stellte  so  durch  den  Schrecken  seines  Schwertes  die
Ruhe  und  den  Frieden  wieder  her.  Ebenso  verfuhr  er  in  Schwaben  und  Franken,  wo  er
1290  über  siebzig  Schlösser  zerstörte,  sowie  am  Rhein,  wo  er  ebenfalls  ohne  Rücksicht
auf  Geburt  und  Stand,  räuberische  Ritter  wie  gemeine  Verbrecher  hinrichten  ließ.

In  Hinsicht  auf  Italien  befolgte  Rudolf  ein  System,  das  dem  der  Hohenstaufen
gerade  entgegengesetzt  war,  er  opferte  dieses  Land  dem  deutschen  Interesse  auf.  Nach
Italien  zog  er  nie,  er  soll  einst  geäußert  haben:  Italien  sei  der  Löwenhöhle  in  der  Fabel
zu  vergleichen,  bei  der  man  nur  Fußstapfen  von  solchen  sehe,  die  hineingegangen,  nicht
aber  von  solchen,  die  wieder  herausgekommen  wären.  Rudolfs  Vorsatz,  seinen  Sohn
Albrecht  zum  deutschen  König  wählen  zu  lassen,  scheiterte  an  der  Abneigung  der  deutschen
Fürsten,  die  sich  Albrecht  durch  sein  finsteres  Wesen  und  seine  Tyrannei  in  Oesterreich
zugezogen  hatte.  Nach  diesem  gescheiterten  Versuch  reiste  Rudolf,  bereits  ein  Greis  und
krank  sich  fühlend,  von  Frankfurt  in  das  Elsaß  und  vereinigte  noch  einmal  seine  Familie
hier  um  sich.  Dann  fuhr  er,  obgleich  kränker  geworden,  den  Rhein  hinunter  nach

Speyer  und  wurde  bei  Germersheim  auf  dem  Flusse  selbst  vom  Tode  überrascht  am
15.  Juli  1201.

Rdolf  von  UHallau  1292  —  1298.

Wie  Kaiser  Rudolf  durch  Leutseligkeit  und  Gerechtigkeit  alle  Herzen  gewann,  so
entfremdete  sie  sich  sein  Sohn  Albrecht  durch  sein  finsteres  und  herrisches  Wesen.  Er
wurde  deshalb  nach  des  Vaters  Tode  bei  der  neuen  Wahl  übergangen;  auf  Betreiben
des  Erzbischofs  Gerhard  von  Mainz  wurde  dagegen  Adolf  von  Nassau  zum  König
erkoren.  Der  neue  König  war  Herr  eines  nur  kleinen  Landes  und  er  war  weder  wie
Rudolf,  Anführer  der  Ritterschaft  eines  ganzen  ausgedehnten  Landstriches,  noch  besaß  er
dessen  Sparsamkeit  und  häusliche  Ordnung,  auch  bot  ihm  der  Zustand  des  Reiches  keine

Ebner,  Illustrierte  Geschichte  Deutlschlands.  13