Siegmund.  191

Bruder  Wenzels,  der  bis  zu  seinem  Tod  den  Königstitel  behielt,  und  dessen  Vetter,  der
Markgraf  Jost  von  Mähren  gewählt.  Nach  des  letzteren  Tode  1411  wurde  Siegmund
allgemein  anerkannt,  für  dessen  Wahl  namentlich  der  kluge  und  reichstreue  Friedrich  von
Hohenzollern,  der  Burggraf  von  Nürnberg  eingetreten  war.

Slegmund  1410  —  1437  und  die  Huslsiten.

Siegmund,  wissenschaftlich  gebildet  und  vielfach  gewandt,  war  der  tüchtigste  Kaiser
aus  dem  luxumburgischem  Hause,  nur  zu  wankelmütig  und  unstät.  Seine  nächste  Sorge
war  auf  die  Widerherstellung  der  kirchlichen  Einheit  sowie  auf  die  Herbeiführung  einer
von  den  Edelsten  aller  christlichen  Nationen  geforderten  „Reform  der  Kirche  an  Haupt
und  Gliedern“  gerichtet  und  seinen  rastlosen  Bemühungen  gelang  es,  Johann  XX  III.  zur
Berufung  einer  allgemeinen  Kirchenversammlung  zu  bewegen,  die  im  Jahre  1414  zu
Konstanz  eröffnet  wurde.

Noch  nie  hatte  sich  eine  größere  und  glänzendere  Versammlung  zu  einem  wichtigeren
Zwecke  vereinigt.  Alles  was  das  Abendland  an  hervorragenden  Vertretern  der  Wissenschaft,
  sowie  an  ausgezeichneten  kirchlichen  und  weltlichen  Würdenträgern  besaß,  war
herbeigeeilt,  um  die  wichtigen  Angelegenheiten  der  Kirche  und  der  Christenheit  zu  ordnen
und  zugleich  als  eine  Art  europäischer  Kongreß  über  die  Mittel  zu  beraten,  durch  welche
dem  endlosen  Zwiste  unter  den  Fürsten  ein  Ziel  gesetzt,  und  unter  den  entzweiten  Nationen
Friede  und  Eintracht  hergestellt  werden  könne.  Außer  dem  Papst  Johann  XXIII.,  König
Siegmund  und  zahlreichen  andern  Fürsten  und  Herren,  sowie  den  Abgesandten  der  beiden
Gegenpäpste  und  der  nicht  selbst  erschienenen  christlichen  Könige,  zählte  man  drei  Patriarchen,
zweiundzwanzig  Kardinäle,  über  hundert  Erzbischöfe  und  Bischöfe,  an  achtzehntausend
andere  Geistliche,  sowie  die  Abgeordneten  von  siebenunddreißig  Universitäten,  durchschnittlich
  hunderttausend  Fremde.  Wie  die  Prälaten  und  Doktoren  in  Gelehrsamkeit  und
Beredsamkeit  wetteiferten,  so  suchten  die  Fürsten  und  Großen  einander  in  Prachtentfaltungen
zu  überbieten  und  mit  dem  Ernste  der  Beratungen  wechselte  die  Lust  der  Turniere  und
anderer  Festlichkeiten.

Die  erste  und  wichtigste  Aufgabe  des  Konzils  war  die  Beseitigung  des  Schismas.
Johann  XXIII.  wurde,  nachdem  ihn  das  Konzil  als  rechtmäßigen  Papst  anerkannt,  zu
dem  Versprechen  der  Verzichtleistung  auf  seine  Würde  bewogen;  als  er  sich  jedoch  der
Erfüllung  dieser  Zusage  durch  heimliche  Flucht  zu  entziehen  suchte,  wurde  er  gesangen
genommen  und  abgesetzt.  Der  in  Rimini  wohnende  Gregor  XII.  dankte  hierauf  freiwillig
ab,  und  der  zu  Avignon  gewählte  Benedikt  XIII.  wurde,  nach  langen  vergeblichen  Bemühungen,
  ihn  zur  Verzichtleistung  zu  bewegen,  für  abgesetzt  erklärt.  Hierauf  schritten
die  anwesenden  Kardinäle,  unter  Zuziehung  der  Abgeordneten  der  verschiedenen  Nationen
zur  Wahl  eines  neuen  Papstes  und  diese  fiel  auf  den  Kardinal  Otto  Kolonna,  der  den
Namen  Martin  V.  annahm.  Dem  allgemeinen  Verlangen  nach  Abschaffung  der  zahlreichen
  Mißbräuche,  die  sich  seit  Gregors  VII.  Zeit  aufs  neue  in  die  Kirche  eingeschlichen
hatten,  wurde  nur  insofern  Rechnung  getragen,  als  der  neue  Papst  mit  den  einzelnen
auf  dem  Konzil  vertretenen  Nationen  besondere  Verträge  (Konkordate)  abschloß.