Siegmund.  193

König  Wenzel  wagte  es  nicht,  ihre  Versammlungen  zu  stören,  bald  zogen  sie  sogar  in
feierlichen  Umzug  durch  Prag  und  Wenzel  verließ  die  Stadt  und  starb  bald  nachher  (1419).

Als  der  Zug  der  Hussiten  eines  Tages  vor  dem  Prager  Rathaus  vorbeiging  und
jemand  einen  Stein  herabwarf,  der  einen  ihrer  Priester  traf,  erstürmten  sie  in  äußerster
Wut  das  Rathaus  und  warfen  dreizehn  Ratsherrn  zum  Fenster  hinaus,  die  dann  auf
der  Straße  von  der  Menge  grausam  getötet  wurden.  Damit  war  das  blutige  Zeichen
zum  Aufruhr  gegeben;  unter  der  Anführung  des  Ziska  zogen  die  Hussiten  im  Lande
umher,  zerstörten  die  Klöster,  peinigten  die  Priester  und  verwüsteten  die  Güter  katholischer
Herren.  Lange  Zeit  waren  sie  nicht  nur  in  Böhmen  siegreich,  sondern  sie  fielen  auch  in
die  angrenzenden  Länder  ein,  alles  schrecklich  verwüstend.  Sie  zerfielen  in  zwei  Hauptparteien,
  die  gemäßigten  Calixtiner  oder  Utraquisten,  die  vorzugsweise  nur  die  Austeilung
  des  Abendmahls  unter  beiderlei  Gestalt  verlangten,  und  die  bis  zur  wilden
Schwärmerei  fortgerissenen,  schon  genannten  Taboriten,  die  sich  auf  dem  Berge  Tabor
eine  neue  Stadt  gegründet  hatten.

Siegmund,  der  nach  Wenzels  Tod,  rechtmäßiger  Herr  von  Böhmen  war,  forderte
die  Hilfe  des  Deutschen  Reiches  gegen  die  Hussiten  auf  und  brachte  auch  ein  ansehnliches
Heer  zusammen.  Er  rückte  1420  in  Böhmen  ein  und  belagerte  Prag.  Allein  Ziska
schlug  den  Sturm  tapfer  ab,  der  König  mußte  einen  Waffenstillstand  schließen  und  zog
wieder  ab.  Im  Jahre  1427  machten  die  deutschen  Fürsten  mit  einem  Heerhaufen  einen
neuen  Einfall,  allein  der  Schrecken  vor  den  durch  ihre  Begeisterung  fast  unüberwindlich
gemachten  Hussiten  war  schon  so  groß,  daß  die  eingerückten  Heere  schon  bei  ihrem  Anblick
  in  Unordnung  gerieten  und  zurückwichen.  Und  ebenso  ging  es  einem  neuen  Heere,
das  etwa  100  000  Mann  stark  im  Jahre  1431  einrückte.  Die  Hussiten  aber  machten  nun
ihrerseits  Einfälle  in  Meißen,  Sachsen,  Brandenburg,  Franken,  Bayern  und  Oesterreich
und  ihre  verwüstenden  Züge  waren  schrecklich.

Nun  riet  alles  zu  einem  Vergleich.  Man  gab  sich  Mühe  einen  kirchlichen  Vergleich
mit  den  Hussiten  zustande  zu  bringen,  und  es  gelang  auch  wirklich  durch  das  im  Jahre
1431  eröffnete  Konzil  von  Basel.  Es  wurde  den  Hussiten  der  Genuß  des  Abendmahls
unter  beiderlei  Gestalt  erlaubt,  jedoch  so,  daß  die  Priester  das  Volk  fleißig  belehren
sollten,  wie  unter  jeder  Gestalt  Christus  ganz  enthalten  sei.

Der  größte  Teil  des  böhmischen  Volkes  nahm  diesen  Vergleich  vorläufig  an.  Aber
zwei  Parteien  wollten  in  ihrer  Wut  von  keinem  Vergleich  und  von  keiner  Mäßigung
etwas  wissen.  Die  Taboriten  und  die  Waisen  unter  Anführung  von  Prokop  dem  Großen
und  Prokop  dem  Kleinen.  Es  kam  zum  Krieg  zwischen  ihnen  und  den  Gemäßigten,  diese
aber  gewannen  eine  große  Schlacht,  in  welcher  die  beiden  Prokope  umkamen  und  nun
wurde  Kaiser  Siegmund  auch  als  König  von  Böhmen  anerkannt.  Aber  es  war  nur
ein  Jahr  vor  seinem  Tode,  im  Jahre  1437  starb  er.

Siegmund,  der  auch  auf  einem  Römerzug  (1431—33)  die  eiserne  Krone  der  Lombarden
  in  Mailand  und  die  Kaiserkrone  in  Rom  empfangen  hatte,  benutzte  seine  hohe
Würde  nur,  um  für  seine  Erblande  daraus  Nutzen  zu  ziehen.  Philipp  dem  Guten  und
dem  zu  hoher  Macht  emporgewachsenen  burgundischen  Herzogshause,  konnte  er  nicht
wehren,  erst  Luxemburg  und  Namur,  zuletzt  auch  Holland  vom  Reiche  zu  reißen.  Auch
mit  seinem  alten  Freunde  Friedrich  von  Hohenzollern,  dem  er  auf  dem  Konzil  in  Konstanz
sein  Kurfürstentum  Brandenburg  abgetreten  hatte,  war  er  seit  langer  Zeit  zerfallen.
Was  er  für  sein  Haus  an  Macht  erworben  hatte,  das  suchte  er,  da  mit  ihm  das  Haus

Ebner,  Illustrierte  Geschichte  Deutschlands.  11