Das  deutsche  Kulturleben  bis  zum  Ausgang  des  Mittelalters.  205

In  Deutschland  hatten  indessen  die  Wirren  immer  mehr  zugenommen,  und  um
ihnen  abzuhelfen,  hatten  die  kaiserlichen  Kommissarien  auf  einem  Reichstage  zu  Mainz
stärkere  militärische  Hilfe  verlangt.  Allein  Maximilian  war  es  nun  einmal  nicht  möglich,
seine  ganze  Aufmerksamkeit  Deutschland  und  dessen  Nöten  zuzuwenden.  Ein  Lieblingsplan
  seiner  Jugend,  die  osmanische  Macht  zu  brechen,  schien  durch  das  Zusammentreten
mehrerer  Fürsten  sich  zu  verwirklichen,  und  auf  einem  Kongreß  in  Kambray  tauschte
Maximilian  mit  Franz  l.  seine  Entwürfe  und  Pläne  aus.  Turch  ein  Lateran-Konzil
ließ  der  Papst  einen  allgemeinen  Kreuzzug  gegen  die  Türken  verkünden,  allein  in  Deutschland
  war  durch  andere  gewaltige  Ereignisse  dieser  ganze  Plan  in  den  Hintergrund  gedrängt
worden,  und  nachdem  erst  die  Stände  sich  ganz  entschieden  gegen  einen  Türkenzug  gewehrt
  hatten,  wurde  auch  die  kaiserliche  Vorlage  rundweg  abgelehnt.  Seinen  anderen
Plan,  die  Nachfolge  Karls  zu  sichern,  hatte  dagegen  Maximilian  erreicht,  und  hegte  nun
auch  die  Hoffnung,  daß  auf  einem  neuen  Reichstag  in  Frankfurt  alle  Rechtsangelegenheiten
  zur  Entscheidung  kommen  sollten.  Zu  seiner  Erholung  begab  sich  der  Kaiser  indessen
  nach  Tirol,  allein  von  den  Bewohnern  von  Innsbruck  aufs  tiefste  verletzt,  wandte
er  sich  nach  Oesterreich,  wo  er  am  11.  Januar  1519  rasch  starb,  ohne  noch  das  sechszigste
Jahr  erreicht  zu  haben.

Das  deutsche  Kulturleben  bis  zum  Husgang  des  Inlittelalters.

Von  dem  vierzehnten  Jahrhundert  an  ist  in  dem  Kulturleben  des  deutschen  Volkes
eine  ganz  scharfe  Umwandlung  zu  bemerken.  Wenn  zuvor  ganz  und  allein  die  Fürsten
und  Ritter  sich  als  die  Besitzer  und  Vertreter  des  deutschen  Landes  gefühlt  und  benommen
  hatten,  so  mochte  man  nun  das  Einwirken  neuer  Faktoren  auf  das  gesamte  Kulturleben
  bemerken,  die  zumeist  mit  dem  Aufkommen  der  bürgerlichen  Elemente  in  engem
Zusammenhang  standen.  Dazu  kam  noch  in  den  meisten  Städten  der  Kampf  ums  Dasein
zwischen  den  patrizischen  Geschlechtern  und  den  arbeitenden  Bürgern,  und  all  das  mußte
auch  das  Leben  in  Kunst  und  Literatur  der  damaligen  Zeit  mächtig  anregen.  „Freilich
so  sehr  beherrschte  die  auf  Rittertum  und  Galanterie  beruhende  und  von  konventionellen
Umgangsformen  bestimmte  aristokratische  Bildung  die  gesamte  vornehme  Welt,  daß  das
Ablenken  von  den  gewohnten,  durch  die  Zeit  geheiligten  Vorschlägen,  Vorstellungen  und
Sitten  zu  neuen  Gedankenkreisen  und  Umgangsformeln  sehr  langsam  vor  sich  ging.  Es
dauerte  noch  über  ein  Jahrhundert,  bis  die  bürgerlich-demokratischen  Elemente  sich  von
der  ritterlich-aristokratischen  Vormundschaft  emanzipierten  und  es  wagten,  die  Rechte  der
Natur  und  angeborenen  Menschengeistes  gegen  die  herkömmliche  Zeitbildung  und  den
überlieserten  Fanatismus  geltend  zu  machen.  So  kam  es  denn,  daß  die  verschiedenen
Arten  der  mittelalterlichen  Poesie,  wie  wir  sie  im  zwölften  und  dreizehnten  Jahrhundert
kennen  gelernt,  auch  noch  in  das  vierzehnte  und  fünfzehnte  hineinragten,  gleich  den  alten
Ritterburgen,  die  man  hie  und  da  durch  Anbauten  und  architektonische  Umwandlung
den  neuen  Verhältnissen  anzupassen  suchte,  oft  aber  auch  dem  allmählichen  natürlichen
Verfall  überließ.  Nicht  allein  die  religiösen  Dichtungen  in  epischer  und  lyrischer  Form,
die  Darstellungen  des  Lebens  Jesu,  die  Marienlieder,  die  Legenden  und  Heiligengeschichten