206  Deutschland  nach  dem  Interregunm.

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und  dergl.  wurden  nach  wie  vor  von  Klerikern  und  Laiendichtern  in  der  Landessprache
fortgeführt  und  nahmen,  je  nachdem  die  Zeit  durch  äußere  Verhältnisse  mehr  religiös
angelegt  war,  hin  und  wieder  einen  frischen  Ausschwung;  auch  die  Ritterpoesie,  das
höfische  Epos  und  die  ganze  Romantik  der  Kreuzzüge  feierte  noch  eine  Nachblüte.  Am
naturgemäßesten  war  dieses  Fortleben  der  religiös=  ritterlichen  Gedankenkreise  und
Phantasiegebilde  in  Frankreich,  wo  die  Kriege  mit  England  den  Geist  des  Feudalismus
lebendig  erhielten,  die  Stadtkommunen  mit  der  materiellen  Existenz  zu  ringen  hatten,
und  die  Ausschreitungen  der  Bauern  und  niederen  Bürgerklassen  schließlich  nur  zur
Stärkung  der  Aristokratie  dienten,  wo  unter  den  höheren  Ständen  eine  größere  Gleichförmigkeit
  in  Sprache  und  Bildung  obwaltete,  die  ritterliche  Galanterie  mehr  dem  Wesen
und  der  Natur  der  gesamten  Nation  entspricht,  und  der  Geist  des  Reisens  und  Wanderns
und  das  fahrende  Abenteurerleben  noch  in  alter  Stärke  fortlebte.“  Noch  immer  waren
es  die  fahrenden  Leute,  die  Jongleurs  und  Minstrels,  welche  allüberall  hochwillkommene
Gäste  waren,  noch  immer  waren  Gäste  und  Spielmann  bei  allen  Festlichkeiten  und
Turnieren  gerne  gesehen  und  noch  immer  hielt  man  sich  auch  in  der  Wahl  der  Stoffe,
der  Liebe  Lust  und  Leid,  dem  Preis  des  Maien,  den  Reizen  der  Geliebten,  an  die  alte
Tradition.  Noch  war  es  der  karolingische  Kreis,  die  Ritter  von  der  Tafelrunde,
Alexander  und  das  hohe  Troja,  welche  den  Gegenstand  der  epischen  Dichtung  bildeten.
Allein  dennoch  machten  sich,  da  man  nun  einmal  erst  des  ewigen  Einerlei  müde  war,
allerhand  Wünsche  nach  Abwechslung  und  Neuigkeiten  geltend.  Das  kirchliche  und
gesellschaftliche  Leben  damaliger  Zeit  mochte  denn  hiezu  einen  passenden  Stoff  abgeben;
man  benutzte  dabei  die  Gelegenheit,  allerhand  Lehren  und  Anspielungen  auf  die  damaligen
  Zustände  anzubringen,  und  die  Sucht  nach  Neuem  verlockte  manchen  Autor,  seine
Erzeugnisse  durch  allerhand  äußere  und  pikante  Zugaben  noch  reizender  zu  machen.
Hiezu  bedurfte  man  freilich  einer  ganz  neuen  Dichtungsart,  nämlich  der  „Allegorie“,
welche  allmählich  in  die  gesamte  epische  und  lyrische  Dichtung  der  damaligen  Zeit  eindrang.
  Wir  begegnen  im  vierzehnten  und  fünfzehnten  Jahrhundert  der  Allegorie  auch
in  Deutschland,  da  namentlich  auch  die  Mystiker  in  ihr  ein  gutes  Mittel  zu  finden
glaubten,  um  ihre  religiösen  und  philosophischen  Systeme  dadurch  zur  Sprache  zu  bringen.
Heinrich  von  Müglin  mit  seinem  „Buch  der  Maide“,  das  einst  viel  gelesene  Gedicht:
„die  Jagd  des  Hadamar  von  Labar“  sind  dafür  das  sprechendste  Zeugnis,  und  wenn
man  es  namentlich  liebte,  auch  die  Minne  in  Person  auftreten  zu  lassen,  wie  dies
Heinzelin  von  Konstanz  in  seiner  Minnelehre  tat,  so  läßt  sich  schon  hieraus  der  bedeutende
  Umschwung,  der  im  ganzen  christlichen  Leben  Platz  griff,  begreifen.  Man  kann
diesen  Ubergang  von  Poesie  in  Allegorie  nicht  gar  zu  streng  kritisieren,  wenn  man  bedenkt,
daß  all  die  schönen  Frauen,  welche  die  Troubadours  und  Minstrels  so  gerne  in  ihren
Gedichten  priesen,  doch  auch  nur  Gebilde  der  Phantasie  waren,  und  von  hier  aus  war
ja  nur  noch  ein  kleiner  Schritt  zur  Personifikation  von  Begriffen.

Für  die  Ritterpoesie  freilich  sollten  noch  mancherlei  Gefahren  kommen,  die
namentlich  in  „Croissarts“  Chroniken  zur  Erscheinung  gelangen.  Städte  und  Fürsten
schienen  sich  im  allgemeinen  ganz  gut  zu  vertragen;  allein  als  man  einmal  die  wahren
Absichten  wiederholt  merkte,  bahnten  sich  doch  mancherlei  Anderungen  an.  Der  wachsende
Kontrast  in  den  Lebensanschauungen,  Zielen  und  Bedürfnissen  mußte  auch  im  Geistesleben,
in  der  Geschmacksrichtung,  in  der  Dichtkunst  eine  gründliche  Auseinandersetzung  herbeiführen.
  Und  diese  wurde  wesentlich  beschleunigt  und  erleichtert  durch  den  Verfall,  dem