208  Deutschland  nach  dem  Interregnum.

die  höfische  Dichtung  mit  raschen  Schritten  entgegenging.  Wenn  schon  die  Troubadours
und  Minnesänger  Klage  ansstießen  über  die  Gleichgiltigkeit  des  Adels  für  die  Werke
der  Kunst  und  Phantasie,  über  die  Geringschätzung,  der  sie  auf  so  vielen  Schlössern
begegneten,  so  verschlimmerte  sich  diese  Lage  weit  mehr,  als  mit  dem  Aufhören  der
Kreuzzüge  das  Römertum  verwilderte;  als  die  noch  ungeschwächt  fortdauernde  Tatenlust,
nicht  mehr  veredelt  im  Dienste  allgemeiner  Zwecke,  sich  in  Bürgerkrieg  und  innern
Fehden  verzehrte  und  mehr  und  mehr  zu  gemeiner  Rauf=  und  Raublust  herabsank;  als
die,  wenn  auch  mitunter  gespreizte  und  erkünstelte  Reinheit  durch  rohe  Sinnlichkeit  und
Genußsucht,  durch  lärmende  Gelage  und  Bankette  erstickt  ward;  als  ein  ungebundenes
Kriegs=  und  Jagdleben  jedes  gemütliche  Zusammenleben  im  häuslichen  Kreise,  jedes
innere  Sammeln  und  Vertiefen  in  geistigen  Dingen  unmöglich  machte.

Aus  der  späteren  Darstellung  und  deren  Ausführungen  wird  man  einen  Begriff  von
den  Zuständen  der  adeligen  und  fürstlichen  Kreise  Deutschlands  schöpfen  können;  aber
auch  in  den  meisten  europäischen  Ländern  war  die  Lage  der  Dinge  in  Staat  und  Gesellschaft
  nicht  zu  Gesang  und  fröhlichen  Künsten  angetan.  Und  wenn  sich  allmählich
im  politischen  Leben  gezeigt  hatte,  daß  das  Rittertum  mit  all  seinen  Gebräuchen  und
Satzungen  in  sich  zerfallen,  daß  die  Städte  und  das  Bürgertum,  durch  die  frische  Kraft,
die  sich  in  ihnen  regte,  sich  als  die  vollberechtigten  Erben  zeigen  konnten,  so  war  nun
allmählich  auch  in  dem  geistigen  Leben,  namentlich  in  der  Literatur,  ein  Aufschwung
eingetreten.  Freilich  die  Lage  des  Landvolkes  war  gerade  am  Ausgang  des  Mittelalters
eine  keineswegs  glänzende.  Ueberall  beinahe,  etwa  mit  Ausnahme  der  Schweiz  und  der
Marschen  Norddeutschlands,  war  der  freie  Bauer  in  eine  Abhängigkeit  geraten,  die  um
so  schwerer  auf  ihm  lasten  mußte,  als  er  selbst  seiner  ganzen  Lebensgewohnheit  nach
sich  nur  in  der  Selbständigkeit  wohl  fühlen  konnte.  Es  waren  nicht  allein  die  Frohndienste
  und  Abgaben  aller  Art,  es  war  namentlich  auch  die  Rohheit  und  Gewalttätigkeit
des  in  sich  zusammenfallenden  Junkertums,  das  die  Wut  und  Empörung  dieses  gedrückten
Geschlechtes  nur  immer  mehr  steigerte.  Und  wenn  man  den  Spuren  dieser  nur  mühsam
verborgenen  Wut  überall  begegnete,  so  ist  es  nicht  Wunder  zu  nehmen,  daß  auch  die
Literatur  des  ausgehenden  Mittelalters  charakteristische  Anzeichen  derselben  enthält.

„Ohne  Menschenrechte  und  Menschenwürde,  in  Not  und  Elend  schleppten  die  armen
Leute  ihr  mühseliges  Leben  hin,  kein  Strahl  frendigen  Lebens,  heiterer  Lust,  menschlicher
Bildung  fiel  in  die  schmutzigen  Bauernhütten.  Es  gehörte  der  ganze  geistige  Stumpfsinn
  dieser  Menschenklasse,  der  gänzliche  Mangel  an  Bildung  dazu,  um  in  dem  ewigen
Einerlei  des  armseligsten  Daseins  nicht  zu  verzweifeln.  Es  ist  bezeichnend  für  die  gedrückte
  Lage  des  Volkes  zur  Zeit  des  scheidenden  Mittelalters,  daß  in  allen  Ländern
sowohl  in  der  Kunst  als  in  Aufzügen  und  Schauspielen  die  Totentänze  eine  so  hervorragende
  Stellung  einnahmen.  Die  geplagten  unteren  Klassen  mußten  in  dem  strengen
Gesetz  der  Notwendigkeit  einen  Trost  finden,  daß  ihre  Unterdrücker  gleicher  Art  mit  ihnen
seien,  daß  die  Regel  der  Natur  über  die  Ordnung  der  hohen  Herren  gehe,  über  die  Beweisführung
  der  Gelehrten  und  die  Berufung  der  Juristen,  und  daß  dem  Siechen  und
Armen,  der  sich  zu  dem  endlichen  allgemeinen  Tanz  hinschleppt,  der  auffordernde  Tod
der  Freund  sei,  den  er  im  mühseligen  Leben  vergebens  gesucht  hatte."

Allein  es  handelte  sich  hier  in  dieser  allgemeinen  geistigen  und  sozialen  Zersetzung
eben  nicht  darum,  nur  stumpf  und  dumpf  auf  alle  Rettung  zu  verzichten.  Es  mußte
ein  frisches  und  neubelebendes  Element  geschaffen  werden,  und  dazu  war  der  Bauern-