Das  deutsche  Kulturleben  bis  zum  Ausgang  des  Mittelalters.  209

stand  nicht  fähig.  Hier  traten  nun  die  Städte,  die  im  Kampfe  mit  dem  Rittertum  sich
mehr  und  mehr  ihrer  Kraft  bewußt  worden  waren,  in  die  Lücke  ein,  und  es  ist  nicht
zu  leugnen,  daß  sie  ein  ganz  heilsames  Gegengewicht  gegen  das  zerfallende  Heerwesen
bildeten.  Es  war  im  Grund  genommen  ein  nur  ganz  naturgemäßer  Vorgang,  daß  in
der  Pflege  eines  frischen  und  geistig  bewegten  Lebens  nun  die  Städte  wetteiserten;  von
einer  anderen  Seite  ließ  sich  eine  heilsame  Neuerung  durchaus  nicht  erwarten.  Wohl
hatte  natürlich  auch  das  Städteleben  seine  großen  Schattenseiten,  „die  ehrenfesten  bürgerlichen
  Männer  freilich  besaßen  nicht  die  Geisteskraft  und  Intelligenz,  eine  gesellschaftliche
Bildung  niederzuwerfen,  welche  Jahrhunderte  lang  durch  traditionelle  Uebertragung  von
Geschlecht  zu  Geschlecht  gefestigt  und  geheiligt  worden  war,  aber  die  Mischung  der  Stände,
die  sich  in  den  städtischen  Kommunen  vollzog,  schuf  mancherlei  menschliche  Verhältnisse,
deren  natürlicher  Verlauf  sich  über  die  Schranken  der  höfischen  Konvenienz  wegsetzte,  neue
Beziehungen  und  Situationen  führten  zu  neuen  Lebensanschauungen  und  Ideenkreisen;
eheliche  Verbindungen  zwischen  Unebenbürtigen  waren  nicht  selten  und  wurden  in  der
Romanliteratur  der  Zeit  ein  Lieblingsthema.  In  dem  Gerichte  großer  Städte  bemerkte
man  erst  recht  auffallend,  welche  gewaltige  Veränderung  in  den  gesellschaftlichen  Kreisen
vorgegangen,  und  wie  sehr  die  bisherige  Traumwelt  der  Ritterromane  mit  der  Realität
im  Kontrast  stehe.  Diese  Wahrnehmung  reizte  zuerst  talentvolle  weltkundige  Männer,
aus  der  gemischten  Gesellschaft  neue  Stoffe  und  Bilder  für  literarische  Darstellungen
zu  wählen  und  eine  neue  bunte  Menschenwelt  heraufzuzaubern,  welche  durch  interessante
Verwickelungen  und  gesunden  Realismus  bald  die  formale,  unnatürliche,  und  durch  ihre
Einförmigkeit  ermüdende  Modedichtung  und  unzeitgemäße  Ritterwelt  in  Vergessenheit
brachte.“

Schon  konnte  man  auch  in  den  in  damaliger  Zeit  gerade  häufig  sich  findenden
Reimchroniken,  wie  auch  in  dem  frischen  Emporblühen  des  Volksliedes  Spuren  finden,
wie  sich  das  Bewußtsein  des  Vokes  allmählich  selbständig  neben  die  ritterliche  Poesie
und  ihr  gegenüber  stellte.  Es  wurde  dadurch  auch  den  Geistlichen  von  neuem  ihre
Stellung  in  der  Literatur  angewiesen,  indem  sie  nun  diese  Dichtungsform  zur  Einführung
  der  Legenden  und  heiligen  Bücher  benutzten,  ja  bald  konnte  sich  auch  der  Bürgerstand
  rühmen,  seine  eigene  Poesie  zu  haben,  als  die  Meistersinger  mehr  und  mehr  zu.
Ansehen  und  Geltung  kamen.  Die  größte  Tat  der  damaligen  Zeit  aber  war  die  Erfindung
  der  Buchdruckerkunst,  deren  Tragweite  man  erst  voll  und  ganz  in  den  kommenden
Jahren  lernen  sollte.

„Das  bewegtere  Leben  und  der  größere  Völker=  und  Menschenverkehr,  der  die
letzten  Jahrzehnte  des  fünfzehnten  und  den  Anfang  des  sechzehnten  Jahrhunderts  durchschütterte,
  wurde  auch  in  der  Dichtkunst,  insbesondere  in  der  Lyrik,  der  Mutterschoß  einer
reicheren  und  tieferen  Gefühlswelt,  in  welcher  alle  Stimmungen  des  Gemüts  ihren  natürlichen,
  unmittelbaren  Ton  und  Ausdruck  fanden.  Der  Minnegesang  trat  ins  Volk,  die
herzvolle  Stimme  der  Natur  belebte  das  Lied  mit  neuer  Wahrheit  und  eine  sinnlichere
Glut  verdrängte  wohltätig  die  kalte  Höflichkeit  des  ritterlichen  Frauendienstes  und  seine
halberstickte  Flamme.  Mit  der  Lyrik  ging  die  Tonkunst  Hand  in  Hand,  welche  in
den  niederländischen  und  deutschen  Städten  zuerst  einen  höheren  Aufschwung  nahm.
Es  ist  ein  charakteristischer  Zug  der  verschiedenen  Nationalitäten,  daß  dieser  Vokksgesang
  hauptsächlich  auf  deutschem  und  englischem  Boden  emporwuchs,  hier  mehr  in  der
historischen  Balladendichtung,  dort  mehr  ein  subjektiver  Ausdruck  des  Gemütlebens,

Ebner,  Irlustrierte  Geschichte  Deutschlands.  15